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Auf der Suche nach dem Riesen: Taiwans uralte Wälder enthüllen ihre Geheimnisse

Auf der Suche nach dem Riesen: Taiwans uralte Wälder enthüllen ihre Geheimnisse

2026-08-04T09:58:34.602665+00:00

Der Baum, der den Mond berührt

In Taiwan steht ein Baum. So hoch, dass die indigene Ethnie der Rukai ihm einen poetischen Namen gegeben hat: „Der Baum, der den Mond berührt."

Und ehrlich? Nach allem, was ich über diese Entdeckung gelesen habe, finde ich, sie unterschätzen ihn noch.

Was für ein Fund

Anfang 2023 machten Wissenschaftler eine Ankündigung, die mich sofort fasziniert hat: Der höchste Baum Taiwans – und ganz Ostasiens – wurde entdeckt. 84,1 Meter ragt diese Taiwania-Zypresse in den Himmel. Zum Vergleich: Das entspricht etwa einem 25-stöckigen Gebäude, das mitten im Wald steht und einfach wächst.

Aber das wirklich Spannende daran? Niemand wusste von diesem Baum. Er stand nicht auf irgendeiner Touristengepäckroute. Jahrelang hatte er sich vor aller Augen versteckt. Fast ein Jahrzehnt brauchte es, bis ein bunt gemischtes Team aus Forschern, Kletterern und freiwilligen Bürgern ihn aufspürte.

Taiwans verborgene Naturwunder

Bevor wir uns auf die Jagd nach Riesen machen: Warum ist Taiwan so besonders?

Diese Insel – kaum größer als die Schweiz – steckt voller Überraschungen. 258 Gipfel ragen über 3.000 Meter empor. Am Meer wachsen tropische Regenwälder, obenauf thront alpine Kälte. Rund 60 Prozent der Insel sind bewaldet. Geschätzt 950 Millionen Bäume wachsen dort oben in den Bergen und Tälern.

Im 20. Jahrhundert ging die industrielle Holzerei brutal durch die Primärwälder. Doch die steilsten, unwegsamsten Gebiete blieben verschont. Wie von selbst schützte das Gelände alte Wälder vor der Kettensäge. In diesen Verstecken überlebten uralte Bäume – manche stehen seit über tausend Jahren.

Die Baumjäger

Seit 2014 kämpft ein Team namens „Taiwan Tree Seekers" für eine Mission: die eindrucksvollsten Bäume der Insel finden, vermessen und dokumentieren. Mit dabei: Profikletterer, Ökologen, Geologen und Spezialisten für Fernerkundung.

Der erste große Durchbruch kam 2014. Die Forscher untersuchten eine berühmte Gruppe gigantischer Taiwania-Zypressen – die „Drei Schwestern von Chilan". Lokale Gemeinden kannten diese Bäume seit Generationen. Aber niemand hatte sie je wissenschaftlich vermessen. Heraus kam: Das größte Exemplar war 69,3 Meter hoch, der Stamm fast drei Meter dick.

2017 reisten australische Profikletterer an, um die Schwestern zu fotografieren. Plötzlich schaute die Welt auf Taiwans verborgene Riesen.

Warum Bäume finden schwieriger ist als gedacht

Man könnte meinen: Einfach nach oben gucken, oder?

Wenn es doch so einfach wäre.

Das Problem: Urwälder sind unglaublich dicht. Mehrere Kronenschichten bilden ein grünes Chaos, in dem Schätzungen vom Boden aus völlig danebenliegen können. Bei einer Expedition am Great Ghost Lake – einem Ort, der für indigene Völker heilig ist – kletterten Forscher auf einen Baum, den sie auf etwa 80 Meter schätzten. Er war am Ende nur 71,7 Meter hoch.

Vom Boden aus sieht alles riesig aus. Aber welcher Baum ist nun wirklich der höchste, wenn alle um denselben Fleckchen Himmel konkurrieren?

LiDAR: Laserblick aus der Luft

Das Team wusste: Traditionelle Methoden reichen nicht. 950 Millionen Bäume in zerklüfteten Bergen aufspüren? Hoffnungslos mit bloßem Auge.

Also holten sie sich Hilfe. Zusammen mit Fernerkundungsexperten der National Cheng Kung University setzten sie auf LiDAR.

LiDAR ist großartig, wenn man Technik mag (und ich tue es). Im Prinzip: Ein Laserscanner kommt ans Flugzeug, das fliegt über den Wald, schießt Millionen Laserpulse nach unten. Aus der Zeit, die jeder Puls zum Zurückkommen braucht, entsteht ein detailgetreues 3D-Modell der Landschaft – inklusive Baumhöhen.

Was eben noch wie Stecknadeln im Heuhaufen wirkte, wurde plötzlich machbar.

Freiwillige retten die Mission

Aber selbst LiDAR hatte seine Probleme.

Taiwans Gelände ist so steil und unregelmäßig, dass die automatische Software ständig Fehler machte. Bäume wurden viel zu hoch eingestuft, besonders wenn sie an Klippen oder plötzlichen Höhenwechseln standen.

Wie viele Fehler? 93 Prozent der automatisch markierten Bäume waren falsch.

Hier kamen Hunderte gewöhnliche Taiwanese ins Spiel. Ab 2020 begannen sie, LiDAR-Bilder zu prüfen und falsche Kandidaten auszusortieren. Menschen erkannten einfach besser, wann ein „Baum" nur eine Felskante war, die mit den Daten spielte.

Bis Ende 2022 hatten diese freiwilligen Helfer die „Taiwan Giant Tree Map" erstellt: 941 einzelne Bäume über 65 Meter Höhe.

Der Fund des Lebens

Im Januar 2023, mitten in den Neujahrsferien nach dem Mondkalender, schaffte es das Team endlich zum Baum, den sie „Heaven Sword" (Himmelsschwert) getauft hatten – irgendwo in den abgelegenen Bergen.

Sie kletterten hinauf, machten ihre Messungen. Das Ergebnis: 84,1 Meter. Nicht nur Taiwans höchster Baum. Der höchste in ganz Ostasien.

Der indigene Name für diese uralten Zypressen kam mir in den Sinn: „Der Baum, der den Mond berührt."

Diesmal trifft die Poesie genau die Wahrheit.

Was bleibt

Ich denke oft an diese Entdeckung. Es ist bemerkenswert, dass wir 2023 – mit Satellitenbildern, GPS und mehr Technik als wir zählen können – immer noch etwas wirklich Neues und Großartiges in der Natur entdecken können.

Noch mehr beeindruckt mich aber die menschliche Seite. Dieser Fund kam nicht durch einen einsamen Genie-Wissenschaftler oder eine High-Tech-Drohne zustande. Er wurde möglich durch ein Team mit unterschiedlichen Fähigkeiten, durch normale Bürger, die ihre Zeit opferten, und durch indigenes Wissen, das diese heiligen Orte über Generationen schützte.

Der höchste Baum Ostasiens verbarg sich vor aller Augen, geschützt durch seine abgelegene Lage und den kulturellen Respekt lokaler Gemeinschaften. Keine Technik der Welt hätte ihn allein gefunden.

Manchmal denke ich: Das ist der schönste Teil der Geschichte.


Quelle: ScienceDaily

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