Augustinus und die Hexe — Ein Fund nach 1.600 Jahren
Ich muss gestehen: Als ich das erste Mal von dieser Geschichte hörte, habe ich tatsächlich laut gelacht. Augustinus. Der Mann, der die Confessiones geschrieben hat. Einer der wichtigsten Kirchenväter der westlichen Welt. Und der hatte offenbar auch etwas zum Thema Hexen zu sagen.
Jetzt, nach 16 Jahrhunderten, können wir es zum ersten Mal lesen.
Ein Fund im Kloster
Was ist passiert? Forscher der Universität Würzburg haben ein lateinisches Manuskript untersucht, das in einem Kloster in Pelplin in Polen lag. Das Manuskript enthielt sechs Predigten von Augustinus — nichts Ungewöhnliches für solche Sammlungen. Aber als der Latinist Christian Tornau genauer hinsah, entpuppten sich zwei dieser Predigten als völlig unbekannt.
Stellt euch das vor: Ein Dokument, das jahrhundertelang offen dalag, und niemand hat gemerkt, was man da eigentlich in den Händen hielt.
Das Problem mit der Hexe von Endor
Worum ging es in den neu entdeckten Predigten? Um die Hexe von Endor — eine Geschichte aus dem Alten Testament, die Theologen seit Jahrtausenden beschäftigt.
Kurz zur Einordnung: König Saul steckt in Schwierigkeiten. Seine Feinde sammeln sich. Er bittet Gott um Rat und... nichts. Keine Träume, keine Propheten, nichts. Also tut er etwas Verbotenes — er sucht eine Frau auf, die Nekromantie praktiziert (also mit Toten spricht), und bittet sie, den Geist des verstorbenen Propheten Samuel heraufzubeschwören.
Und es funktioniert. Samuels Geist erscheint und sagt Saul im Grunde, dass er verloren ist.
Hier liegt das theologische Problem: Warum hätte Gott zulassen sollen, dass eine Hexe einen Propheten heraufbeschwört? Entweder ist Gott nicht allmächtig (weil er es nicht verhindern konnte), oder er hat es zugelassen (was eigene Fragen aufwirft).
Augustinus hat sich genau mit diesem Rätsel auseinandergesetzt.
Augustinus' zwei Antworten
Seiner Darstellung nach hatte Augustinus zwei Möglichkeiten parat:
Möglichkeit eins: Der Geist Samuels war gar nicht echt. Die Hexe hat Saul hereingelegt und irgendeine Art von Illusion erschaffen, um ihn zu täuschen.
Möglichkeit zwei: Es war tatsächlich der Geist von Samuel, aber Gott hat diese einmalige Ausnahme zugelassen, um Saul ganz konkret mit seinen Sünden zu konfrontieren.
Und das Spannende daran: Augustinus hat sich nicht festgelegt. Er hat beide Möglichkeiten präsentiert und seine Zuhörer mit dem Geheimnis sitzen lassen. Das klingt doch ziemlich modern, oder? Statt eine definitive Antwort zu geben, hat er die Menschen ermutigt, selbst mit den Fragen zu ringen.
Tornau sagt, genau dieser offene Stil helfe dabei, die Echtheit der Predigten zu bestätigen. Es entspreche typisch augustinischer Rhetorik.
Eine Reise durch die Geschichte
Jetzt wird es allerdings ein bisschen traurig. Das Manuskript, das wir heute haben, stammt aus dem 12. Jahrhundert — ungewöhnlich, denn die meisten Abschriften von Augustinus' Werk wurden früher angefertigt, im 8. oder 9. Jahrhundert.
Die Forscher vermuten, dass die frühere Version aus der Abtei Amelungsborn in Deutschland stammte. Aber deren Bibliothek wurde im Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert zerstört.
Was wir also haben, ist eine Abschrift einer Abschrift von etwas, das vor fast 400 Jahren verloren gegangen sein könnte. Einmall mehr zeigt das, wie brüchig diese Überlieferungen sind — und wie viel uns noch fehlen könnte.
Warum ist das wichtig?
Ich weiß, was ihr denkt: "Schöne Geschichte, aber warum sollte mich eine 1.600 Jahre alte Predigt über Hexen interessieren?"
Fairer Einwand. Hier meine Sicht: Augustinus ist nicht einfach nur eine historische Figur. Seine Ideen über Glauben, Vernunft, menschliche Natur und Gott prägen bis heute, wie Milliarden von Menschen über Religion denken. Sein Buch Confessiones ist buchstäblich die erste geistliche Autobiografie überhaupt.
Und was ich wirklich aufregend finde: Nach all der Zeit entdecken wir immer noch Dinge. Wir finden immer noch verlorene Puzzleteile. Geschichte ist kein abgeschlossenes Buch — sie ist eher eine Bibliothek, in der jemand ständig neue Manuskripte im Hinterzimmer entdeckt.
Außerdem, mal ehrlich: Es ist einfach eine großartige Geschichte. Ein mittelalterliches Manuskript, ein Kloster in Polen, eine Hexe aus dem Alten Testament, und einer der größten Denker des Christentums, der sich mit dem Unmöglichen auseinandersetzt.
Irgendwie, denke ich, hätte Augustinus die Ironie geschätzt. Er hat sein ganzes Leben damit verbracht, Geheimnisse jenseits des menschlichen Verstehens zu begreifen. Und jetzt, 1.600 Jahre später, überrascht er uns immer noch.
Quelle: Popular Mechanics