Wenn Ozeane Berge formen
Manche Gebirge entstehen nicht dort, wo man es vermutet. Lange Zeit dachten Geologen, dass die großen tektonischen Kräfte vor allem an den Kollisionszonen der Kontinente wirken. Doch neue Erkenntnisse zeigen: Auch ein längst verschwundener Ozean kann Berge weit entfernt beeinflussen.
Forscher der Universität Adelaide haben diese Idee nun genauer untersucht. Ihr Ergebnis überrascht.
Der Tethys-Ozean – ein gigantisches Gewässer der Urzeit
Vor etwa 250 Millionen Jahren erstreckte sich ein riesiger Ozean quer über die Erde. Er war deutlich größer als alle heutigen Meere. In der Zeit der Dinosaurier bedeckte er weite Teile der Kontinente. Mit den Jahrmillionen schrumpfte er. Nur das Mittelmeer ist als winziger Rest geblieben.
Ein ganzer Ozean – verschwunden bis auf einen schmalen Streifen.
Rätselhafte Berge in Zentralasien
Lange galten drei Erklärungen für die Entstehung der Gebirge in Zentralasien: die Verschiebung der tektonischen Platten, unterschiedliche Klimabedingungen und Bewegungen im Erdmantel. Doch als Forscher über dreißig Jahre geologische Daten zusammengetragen hatten, zeigte sich: Diese Faktoren reichen nicht aus. Etwas anderes musste mitgewirkt haben.
Dieses Etwas war der ferne Tethys-Ozean.
Wie ein Ozean Berge schafft – auch von weitem
Als sich der Tethys-Ozean schloss, wurde Meeresboden in den Erdmantel gezogen. Dieser Vorgang wird Subduktion genannt. Dabei rollte die Subduktionszone zurück. Dadurch dehnte sich der Ozeanboden. Diese Dehnung wirkte sich auch auf das Festland aus – und zwar über Tausende Kilometer hinweg.
Die Dehnung weckte alte Schwachstellen in der Kruste Zentralasiens. Wie bei einem Stoff, den man an einer Ecke zieht, entstanden Spannungen überall. Dadurch brachen Gebirgsbildungsprozesse los. Es entstanden lange Ketten von Bergrücken. Zur Zeit der Dinosaurier sah die Landschaft ähnlich aus wie heute der Basin-and-Range-Bereich im Westen der USA – mit alternierenden Ringen und Talern.
Diese Prozesse liefen weitab vom Tethys-Ozean ab. Der Ozean wirkte wie ein ferner Steuerer.
Wie Forscher die Zusammenhänge entschlüsselten
Die Wissenschaftler nutzten thermische Modelle der Gesteinsgeschichte. Damit ließen sich die Abkühlungszeiten von Gesteinen nachvollziehen. Wenn Berge aufgebaut und durch Erosion abgetragen wurden, kühlen Gesteine ab. Diese Abkühlung hinterließ Spuren im Gestein.
Diese Spuren wurden mit Daten über den Tethys-Ozean, alte Klimadaten und Erdmantelmodellen kombiniert. So entstand ein genaues Bild der Vorgänge unter Zentralasien während der Kreidezeit.
Es war gewissermaßen Detektivarbeit im großen Stil – Spuren in Gesteinen auswerten und verknüpfen.
Was das für andere Regionen bedeutet
Die Methode lässt sich auch für andere Rätsel nutzen. Schon jetzt untersuchen die Forscher, wie Australien vor 80 Millionen Jahren von der Antarktis getrennt wurde. Ein Prozess, der bislang noch nicht ganz erklärt werden kann.
Die Erde ist stärker vernetzt, als man früher dachte. Entfernte Vorgänge können weit entfernt wirken. Eine kleine Veränderung an einer Stelle kann große Effekte an anderer Stelle auslösen.
Ein neues Verständnis der Erdgeschichte
Jedes Mal, wenn Forscher alte Daten neu kombinieren, entdecken sie Überraschendes. Der Tethys-Ozean ist längst verschwunden, aber seine Wirkung reichte noch weit über seine Zeit hinaus. Er hinterließ Spuren – nicht im Wasser, sondern in den Bergen.