Der Franzose, der gegen das Kaiserreich kämpfte
Stell dir vor: Du bist Offizier in Frankreich, Jahrgang 1860er. Deine Aufgabe klingt einfach – Japan bei der Modernisierung seiner Streitkräfte helfen. Routineeinsatz, никаких Probleм, после окончания миссии zurück in die Heimat.
Doch dann passiert das Unvorstellbare.
Die gesamte Regierung kippt. Der Kaiser persönlich übernimmt die Macht. Und du? Du bekommst den Befehl, das Land zu verlassen.
Was tust du?
Jules Brunet hat sich entschieden zu bleiben. Zusammen mit einer Handvoll Samurai gründete er kurzerhand eine Republik. Mitten in Japan. Gegen den Kaiser.
Klingt verrückt? Ist aber passiert.
Ein Reich im Umbruch
Zweieinhalb Jahrhunderte lang hatte das Tokugawa-Shogunat Japan regiert. Kein chaotisches Feudalsystem, wie man vielleicht denken könnte, sondern ein zentralisiertes Militärregime, das dem Land Frieden und Ordnung brachte. Allerdings: Die Isolation war Programm. Kontakt zur Außenwelt? Feindan.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Strategie zum Problem. Westliche Mächte drängten auf Handel. Die einen sahen darin eine Bedrohung, andere eine Chance. Fest stand: Das Shogunat wirkte zunehmend hilflos.
Der Widerstand formierte sich um den jungen Meiji-Kaiser. 1868 war der alte Staat Geschichte.
Ein Franzose mit schlechten Instinkten
Frankreich hatte Captain Charles Chanoine nach Japan geschickt, um die Armee des Shoguns auf Vordermann zu bringen. Als das Shogunat zusammenbrach, witterten die Franzosen eine Gelegenheit: Wenn sie die Verlierer unterstützen, sichern sie sich einen Verbündeten in Asien.
Chanoine durfte bleiben. Brunet, sein Stellvertreter, ebenfalls.
Als die neue Regierung jedoch alle ausländischen Militärexperten des Landes verwies, gehorchten die meisten. Brunet nicht.
Er organisierte die Flucht – zusammen mit acht weiteren französischen Offizieren. Unter dem Vorwand, eine Waffenfabrik zu besichtigen, schlichen sie sich davon. Ihr Ziel: Admiral Takeaki Enomoto, Befehlshaber einer Flotte, die dem alten Regime treu geblieben war.
Brunet stieg an Bord. Und dann ging es ab nach Norden.
Richtung Ezo.
Gründung eines Staates
Ende 1868 hatten Brunet und seine japanischen Verbündeten die Insel unter Kontrolle. Ezo – das heutige Hokkaido – gehörte ihnen. Der Hafen von Hakodate war eingenommen, die通讯linie gesichert.
Tokio war alles andere als begeistert. Der Kaiser verlangte die Übergabe aller Waffen.
Man sagte Nein.
Im Januar 1869 rief Ezo seine Unabhängigkeit aus. Die Republik Ezo war geboren. Hakodate wurde Hauptstadt. Und dann kam der wirklich erstaunliche Teil: Es gab Wahlen. Zugegeben, nur Samurai durften wählen. Aber hey – es war ein demokratisches Experiment. Das erste und einzige in der japanischen Geschichte.
Takeaki Enomoto, ehemaliger Viscount, wurde Präsident. Keisuke Ōtori, ein Baron und erfahrener Krieger, übernahm die Verteidigung. Und Brunet? Der Franzose wurde Außenminister.
Stell dir das mal vor: Ein Europäer in einem japanischen Kabinett. Verhandelt mit ausländischen Mächten über die Anerkennung eines Mini-Staates auf einer gefrorenen Insel.
Brunet trieb aber nicht nur Diplomatie. Er trainierte Truppen nach französischer Methode, verstärkte Befestigungen und baute ein sternförmiges Fort namens Goryokaku aus. Sechs Festungen entstanden oder wurden ausgebaut. Tausende Soldaten erhielten moderne Gewehre.
Man wusste: Der Angriff kommt.
Das Ende
Frühling 1869. Die kaiserliche Armee traf ein – etwa 7.000 Mann. Eine gewaltige Streitmacht für die damalige Zeit.
Die Republik konnte maybe 3.000 Soldaten aufbieten.
Allerdings waren diese 3.000 von französischen Profis ausgebildet. Sie verfügten über Artillerie und befestigte Positionen. Eine Zeitlang hielten sie stand.
Doch am Ende siegte die schiere Überzahl. Nach erbitterten Kämpfen kapitulierte Enomoto. Die Republik wurde aufgelöst. Ezo fiel an Tokio und wurde offiziell in Hokkaido umbenannt.
Brunet? Der entkam. Zusammen mit einigen wenigen französischen Offizieren schaffte er es zurück nach Europa. Kein Prozess, keine Hinrichtung. Die neue Regierung Japan schien es pragmatisch zu sehen: Ist erledigt, Moving on.
Brunet setzte seine Militärkarriere fort. Später wurde er General.
Warum uns das heute noch etwas angeht
Was mich an der Republik Ezo am meisten fasziniert: Sie ist kein Randnotiz. Sie zeigt einen Moment, in dem Japan an einer Weggabelung stand.
Die alte Welt starb. Eine neue Ordnung entstand. Und für einen kurzen, unwahrscheinlichen Moment versuchten Außenseiter, etwas völlig anderes aufzubauen – eine asiatische Republik in einer Zeit, als der Kontinent noch von Kaisern und Königen regiert wurde.
Sie scheiterten. Die Meiji-Restauration setzte sich durch, Japan wurde zur modernen Großmacht, die später die ganze Welt in Erstaunen versetzte.
Aber die Republik Ezo erinnert uns daran: Geschichte verläuft nicht geradlinig. Manchmal nimmt sie seltsame Abwege. Manchmal bleibt ein französischer Offizier im fremden Land und kämpft für eine Sache, die längst verloren ist.
Geschichte ist unordentlich. Genau das macht sie so spannend.