Operation Popeye: Als das Pentagon den Regen zur Waffe machte
Ich muss euch heute von einer Geschichte erzählen, die so absurd klingt, dass man sie sich kaum ausdenken könnte. Und trotzdem ist sie passiert.
Während des Vietnamkriegs kam dem Pentagon eine Idee, die so verrückt war, dass selbst Militärs staunten. Statt die Nachschubwege Nordvietnams zu bombardieren, beschloss man kurzerhand, sie zu ertränken. Die Strategie? Die Monsunzeit künstlich verlängern. Und zwar so lange, dass die unbefestigten Straßen zu undurchdringlichen Schlammwüsten werden würden.
Die Logik dahinter: Feindliche Versorgungslastwagen sollen im Morast steckenbleiben und ihre Fracht niemals ans Ziel bringen.
Das Verrückte daran? Man hat es tatsächlich durchgezogen.
Drei Jahre, ein Flugzeug, jede Menge Silber
Zwischen 1967 und 1972 war das 4. Wetteraufklärungsgeschwader der US-Luftwaffe unermüdlich im Einsatz. Ihre Aufgabe: Wolken über Laos, Kambodscha und Nordvietnam mit Silberjodid-Kristallen besprühen. Der Gedanke dahinter war simpel – man wollte den natürlichen Niederschlag verstärken und die Regenzeit künstlich in die Länge ziehen.
Das offizielle Motto der Operation lautete: „Make mud, not war."
Irgendwie hat es ja fast schon einen charmanten Klang. Aber lasst euch davon nicht täuschen – die ganze Angelegenheit war zutiefst verstörend.
Hat es funktioniert?
Laut enttarnten Dokumenten war die Antwort: Ja – zumindest teilweise. Die Operation soll die Monsunzeit in den Zielgebieten um etwa 45 Tage verlängert haben. Das ist immerhin ein ganzer Monat zusätzlicher Regen.
Das Problem dabei? Wetter lässt sich nicht wirklich kontrollieren, auch nicht mit noch so guter Technik.
Ein Luftwaffenoffizier beschrieb die Herausforderungen 1972 gegenüber der New York Times so: „Wir flogen rum und suchten nach bestimmten Wolkenformationen... Und wir haben eine Menge Fehler gemacht."
Und was zählt schon als „Fehler", wenn man das Wetter als Waffe einsetzt?
Wie wäre es damit: Sieben Zentimeter Regen in nur zwei Stunden – direkt auf einem eigenen Special-Forces-Lager abgeladen. Pech gehabt.
Die Technik funktionierte zwar in etwa 82 Prozent der Fälle, aber die Natur spielt eben nicht nach menschlichen Regeln.
Ein Zufall, der alles änderte
Übrigens: Cloud Seeding, also die Wolkenimpfung, war keine militärische Erfindung. Die Technik wurde 1946 völlig zufällig entdeckt und später von Bernard Vonnegut perfektioniert – ja, dem älteren Bruder des berühmten Schriftstellers Kurt Vonnegut.
Das Prinzip ist faszinierend: Silberjodid-Kristalle dienen als künstliche Eiskerne, um die sich Wolken bilden. Sind genug dieser Partikel in der richtigen Wolke vorhanden, kann man Regen oder sogar Hagel auslösen.
Und die USA waren bei Weitem nicht die Einzigen, die mit diesem Spielzeug experimentierten. Die Briten betrieben von 1949 bis 1952 „Operation Cumulus", bevor sie das Projekt nach einer verheerenden Flutkatastrophe in Lynmouth einstellten. (Ziemlich vernünftige Entscheidung.) Die Chinesen setzten die Technik ein, um für die Olympischen Spiele 2008 klares Wetter zur Eröffnungsfeier zu garantieren.
Die Welt zieht eine Grenze
Bis 1977 hatten genug Nationen genug davon, was passieren könnte. 31 Länder – darunter sowohl die USA als auch die Sowjetunion – unterzeichneten einen UN-Vertrag, der die Umweltmodifikation als Kriegswaffe ausdrücklich verbot. Der US-Senat ratifizierte das Abkommen 1979.
Damit bleibt Operation Popeye der einzige dokumentierte Fall, in dem ein Land explizit versucht hat, das Wetter als Waffe einzusetzen. Und ehrlich gesagt: Vielleicht ist das auch gut so.
Was uns das heute noch angeht
Hier wird es unheimlich. Die Debatte um Wetterm manipulation ist 1977 nämlich nicht zu Ende gegangen. Sie hat sich lediglich verlagert. Heute spricht man von „Geoengineering", und statt Regen als Waffe gegen Feinde einzusetzen, diskutieren Wissenschaftler ernsthaft, ob wir das Erdklima bewusst verändern sollten, um die Erderwärmung zu bekämpfen.
Sollen wir Aerosole in die Stratosphäre sprühen, um Sonnenlicht zu reflektieren? Können wir Wolken modifizieren, damit sie mehr Kohlendioxid speichern? Das sind keine verrückten Hypothesen mehr – das sind echte Vorschläge, die in wissenschaftlichen und politischen Kreisen ernsthaft besprochen werden.
Die Technologie, mit der die Luftwaffe 1972 versehentlich ihre eigene Basis überflutet hat, ist mittlerweile deutlich ausgereifter. Die Frage ist nur: Was passiert, wenn Länder sie erneut einsetzen – selbst für angeblich edle Zwecke?
Wetter hat schon immer die Menschheitsgeschichte geprägt. Der Schlamm von Agincourt, der Nebel von Waterloo, die Taifune, die Japan retteten – die Natur war schon immer der ultimative Joker in Krieg und Zivilisation.
Aber es gibt etwas zutiefst Beunruhigendes daran, wenn Menschen entscheiden, dass sie diese Karten kontrollieren sollten. Selbst wenn wir können auf Knopfdruck Regen machen... sollten wir es auch?
Eine Antwort auf diese Frage habe ich nicht. Aber ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken – das nächste Mal, wenn man unvermittelt im strömenden Regen steht.