Stell dir vor: Feuer, das sechs Monate brennt
Diese Frage stellt sich wirklich. Wenn ich dir erzählen würde, dass irgendwo auf der Welt gerade ein Brand wütet, der locker ein halbes Jahr lang weiterbrennen könnte – würdest du mir das abnehmen?
Die meisten von uns denken bei Waldbränden an spektakuläre Szenen. Feuerwände rasen über Hänge. Familien laden hastig Habseligkeiten ins Auto und fliehen. Ja, diese Brände sind furchtbar. Aber die Feuer, die gerade in Indonesien wüten, spielen in einer völlig anderen Liga. Sie brennen unter der Erde.
Untertage. Im Moor.
Ich rede von Torfbränden – und ehrlich gesagt gehören sie zu den am meisten unterschätzten Umweltbedrohungen unserer Zeit.
Was bitte ist Torf?
Kurze Wissenschaftseinheit, versprochen – aber eine schmerzarme.
Torf besteht aus zersetztem Pflanzenmaterial, das sich über Jahrtausende in Feuchtgebieten angesammelt hat. Stell dir einen gewaltigen, wassergetränkten Schwamm vor. Indonesien besitzt etwa 36 Prozent aller tropischen Torfgebiete weltweit. Das ist eine gewaltige Menge.
Unter normalen Bedingungen sind diese Sümpfe viel zu nass, um zu brennen. Aber bei Trockenheit trocknen sie so weit aus, dass sie praktisch als Zunder dienen. Und wenn das Feuer einmal in den Torf eindringt, wird die Sache richtig hässlich.
„Sobald die Flammen unterirdisch wüten, hören sie einfach nicht mehr auf", erklärt Robert Field, Forscher an der Columbia University. „Sie brennen weiter, bis der Regen im Oktober oder November kommt."
Monate. Diese Dinger glimmen monatelang vor sich hin.
Warum man solche Brände kaum löschen kann
Du kennst das sicher: Ein Lagerfeuer löscht man, indem man Wasser drübergießt. Bei Torfbränden funktioniert das ungefähr so gut wie der Versuch, eine Kerze zu löschen, indem man ein Glas von oben darüber stülpt – während der Docht darunter weiterbrennt.
Die Flammen sitzen nicht an der Oberfläche, wo man sie erreichen könnte. Sie tunneln durch unterirdische Ablagerungen, teils mehrere Meter tief. Feuerwehrleute können die Oberfläche den ganzen Tag fluten – das Feuer pennt einfach weiter.
Satellitenbilder von NASAs Aqua-Satellit zeigen gerade hunderte Feuerherde über ganz Indonesien verteilt. Wissenschaftler warnen: 2026 nähert sich gefährlich den verheerenden Werten von 2015. In jenem Jahr setzte die Brand season Indonesiens 1,75 Milliarden Tonnen Treibhausgase frei. Zum Vergleich: Japan stößt in einem ganzen Jahr weniger aus. Eine einzige Brandsaison.
Ein besonders unheimliches Detail: In den schlimmsten Rauchphasen können die Satelliten die Feuer kaum noch erkennen. Der Smog ist so dicht, dass er die Sicht aus dem All blockiert. Wenn es also von oben am schlimmsten aussieht, ist die Realität meistens sogar noch schlimmer. Beruhigend ist das nicht.
Der Klimawandel verschärft das Problem – massiv
Die Brandsaison 2026 wird durch El Niño verstärkt, ein Klimaphänomen, das die Niederschläge in Indonesien drastisch reduziert. Zusammen mit der positiven Phase des indischen Ozean-Dipols entstehen Trockenheitsbedingungen, die Torfgebiete besonders anfällig machen.
Aber mal ehrlich: Natürliche Klimazyklen sind nur ein Teil der Geschichte. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass jahrzehntelange menschliche Eingriffe diese Landschaften extrem feueranfällig gemacht haben. Entwässerungskanäle aus den 1990er Jahren, gebaut für Reisfarmen, haben den Grundwasserspiegel in riesigen Gebieten abgesenkt. Ölpalm-Plantagen bedecken mittlerweile gewaltige Flächen ehemaliger Feuchtgebiete.
Wir sind nicht zufällig in dieses Problem hineingestolpert. Wir haben es uns regelrecht zurechtgebaut.
Warum sollte dich das interessieren?
Ich höre schon die eine oder andere Stimme: „Das passiert doch in Indonesien. Geht mich nichts an."
Verstehe ich. Aber hier kommt, warum es dich sehr wohl etwas angeht:
Erstens: Diese Brände produzieren unglaubliche Mengen an Schadstoffen. Torffeuer setzen dreimal mehr Feinstaub frei als gewöhnliche Waldbrände, dazu Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Methan. Der Rauch bleibt nicht in Indonesien. Er driftet über ganz Südostasien und belastet die Gesundheit von Hunderten Millionen Menschen. Erinnerst du dich an die dichten Smogdecken über Singapur und Malaysia vor ein paar Jahren? Das war indonesischer Torfrauch.
Zweitens: Wir reden hier über gewaltige Kohlenstofffreisetzungen. Die Torfgebiete dieser Welt speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder des Planeten zusammen. Wenn sie brennen, geht dieser Kohlenstoff direkt in die Atmosphäre – und sabotiert alle Klimaschutzanstrengungen.
Drittens – und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Das ist ein Problem, das wir lösen können. Torfbrände sind nicht unvermeidlich. Sie brauchen bestimmte Bedingungen: Trockenheit plus entwässerte, degradierte Landschaften. Wiederherstellung des Grundwasserspiegels. Keine weiteren Feuchtgebietsdrainagen. Sorgsameres Landmanagement. Das sind keine utopischen Forderungen.
Die Brände werden wahrscheinlich weiterbrennen, bis der Regen im Oktober oder November kommt. Aber was passiert danach? Warten wir einfach auf die nächste Dürre, den nächsten El Niño, die nächste verheerende Brandsaison?
Oder nehmen wir uns endlich vor, wie wir diese Landschaften verändert haben, und treffen andere Entscheidungen?
Ich habe da eine Meinung. Und du?