Das Erbe des 6. August 1945
Wenn wir an die Folgen von Hiroshima denken, sehen wir vor allem das Offensichtliche: Zehntausende Tote, eine Stadt in Schutt und Asche, Strahlung, die Überlebende noch Jahrzehnte später verfolgte.
Was mir dabei nie in den Sinn kam: Die Bombe hat nicht nur zerstört. Sie hat auch etwas geschaffen.
Forscher haben in den Trümmerfeldern winzige glasartige Teilchen entdeckt – sogenannte „Hiroshimait". Sie entstanden, als der nukleare Feuerball alles auf seinem Weg verdampfte. Autos, Gebäude, Straßenlaternen, Rohre – alles wurde urplötzlich zu Plasma und kühlte binnen Sekunden wieder zu Feststoff ab. Ehrlich gesagt: Wissenschaft kann verdammt bizarr sein.
Was haben sie gefunden?
Unter der Leitung von Luca Bindi, Mineraloge an der Universität Florenz, sammelte das Team Proben und analysierte sie. Die meisten metallischen Fragmente waren unspektakulär – gewöhnliche Eisen-Chrom-Legierungen, wie man sie in Haushaltsgeräten findet.
Doch dann kam die Überraschung.
Ein winziges Metallkörnchen im Schutt hatte eine Zusammensetzung, die noch niemand zuvor gesehen hatte: eine Eisen-Silizium-Legierung mit einer Struktur, die sich jeder gängigen Kategorisierung entzieht. Sie ist nicht ganz ein Quasikristall – diese verblüffenden Materialien mit mathematischen Symmetrien, die eigentlich unmöglich sein sollten – aber verwandt genug, um das Team ins Grübeln zu bringen.
Warum ist das bedeutsam?
Was mich an dieser Entdeckung besonders fasziniert: Dieses Material lässt sich nicht im Labor herstellen. Jedenfalls noch nicht.
Die Bedingungen im Inneren des Feuerballs waren unvorstellbar extrem. Temperaturen stiegen auf fast 8.000 Grad Celsius – heiß genug, um jedes bekannte Material sofort zu schmelzen. Alles am Hypozentrum verdampfte und kühlte dann in unmöglich kurzer Zeit wieder ab. Normalerweise kristallisieren Metalle langsam und bilden vorhersehbare Muster. Hier aber: Eine Blitzabkühlung, die Atome in Anordnungen einschloss, deren Nachbildung uns schlichtweg nicht gelingt.
Moment mal: Wir halten hier das einzige natürlich vorkommende Beispiel dieses Materials in den Händen. Es entstand ein einziges Mal, an einem Augustmorgen 1945, und lag seitdem in den Trümmern. Gewartet. Bis jemand genau genug hinsah.
Ein Fenster zu extremen Umgebungen
Was mich an dieser Forschung am meisten anspricht, ist der Blick auf die Planetenwissenschaft. Quasikristalle wurden bereits in Meteoriten gefunden – Überreste uralter Asteroideneinschläge, die ihre eigenen kurzen, gewaltsamen Extrembedingungen schufen. Jetzt gibt es Belege, dass ähnliche Strukturen auch in Kernwaffenexplosionen entstehen können.
Das bedeutet: Unsere Atomwaffentests liefern uns unwissentlich Einblicke in die Art von katastrophalen Hochenergie-Ereignissen, die unser Sonnensystem geformt haben. Dieselbe Physik, die in einem nuklearen Feuerball ablief, könnte vor Milliarden Jahren stattgefunden haben, als Asteroiden auf die Erde und andere Planeten einschlugen.
Es ist zugleich beklemmend und zutiefst beeindruckend, diese Verbindung zu erkennen. Die zerstörerischste Kraft, die die Menschheit je entfesselt hat, bringt uns fundamentale Prozesse des Kosmos näher.
Das größere Bild
Natürlich kann ich darüber nicht schreiben, ohne das Offensichtliche anzusprechen: Diese Entdeckung stammt aus einem der schrecklichsten Kriegsakte der Menschheitsgeschichte. Über 70.000 Menschen starben sofort am 6. August 1945. Unzählige weitere erkrankten in den folgenden Tagen und Jahren an Strahlenkrankheit. Die Hiroshimait existieren, weil diese Tragödie geschah.
Hier liegt eine unbequeme Spannung: Wissenschaftliche Neugier über Materialien, die aus Massentod entstanden sind. Dennoch – es hat seinen Wert, jede Facette des Geschehenen zu verstehen, selbst die mikroskopisch kleine. Der Trinity-Test (die erste Kernwaffendetonation, einen Monat vor Hiroshima) schuf ähnliche Materialien in Form von Trinitit, der grünlichen Glassubstanz am Standort in New Mexico. Das sind nicht nur wissenschaftliche Kuriositäten – sie sind forensische Beweise dafür, was Atomwaffen wirklich anrichten.
Was kommt als Nächstes?
Bindi und sein Team vermuten, dass sich aus diesen Materialien noch mehr lernen lässt – möglicherweise Erkenntnisse, die der zukünftigen Materialentwicklung dienen könnten. Ein großes „möglicherweise", gewiss. Aber ich mag es, wenn Wissenschaft uns immer wieder überrascht. Wir entdecken noch immer Neues über Ereignisse, die 79 Jahre zurückliegen.
Und ehrlich: Das ist ein Teil dessen, was Wissenschaft so schön macht. Manchmal verbergen sich die außergewöhnlichsten Entdeckungen an den unerwartetsten Orten – selbst in der Asche einer Tragödie.
Quelle: https://www.popularmechanics.com/science/a73350639/hiroshima-bomb-created-a-metal