Donaldjohanson: Das Erdnuss-Asteroid, das nicht weiß, wo oben ist
Stell dir vor, du wirfst zwei kosmische Brocken zusammen, lässt sie ein paar hundert Millionen Jahre sich selbst überlassen und schickst dann eine Sonde mit 48.000 km/h vorbei, um ein paar Fotos zu schießen.
Was dabei herauskommt? Donaldjohanson. Und Mann, ist das Ding seltsam.
Hallo, Raum-Erdnuss
Die Sonde Lucy (ja, benannt nach dem berühmten Fossil – offenbar haben NASA-Wissenschaftler doch Humor) hat kürzlich einen Asteroiden besucht, der offiziell einen langweiligen Namen trägt, aber inoffiziell aussieht wie... naja, eine Erdnuss. Zwei klumpige Hälften, zusammengehalten von einem schmalen Hals, treiben durch den Asteroidengürtel, als hätten sie ein Ziel.
Das Verrückte daran? So sah das Ding nicht immer aus. Forscher glauben, dass Donaldjohanson entstanden ist, als zwei Bruchstücke eines uralten Zusammenstoßes durchs All trieben und sich vor etwa 155 Millionen Jahren untereinanderer Schwerkraft vereinigten. Relativ jung, kosmisch gesehen – dinosaurier waren noch auf der Erde unterwegs, als sich dieses Ding gerade zusammenfand.
Ein Kreisel mit Gleichgewichtsproblemen
Und jetzt wird's richtig interessant. Die meisten Objekte im All drehen sich schön simpel um eine Achse – wie ein Basketball auf einem Finger. Donaldjohanson dachte sich aber: „Nee, ich mach das anders" und fing an zu taumeln.
Statt sauber um eine Achse zu kreisen, vollführt dieser Asteroid etwas, das Forscher „Wackeln" nennen – er purzelt alle 10,5 Tage endüber-end, gleichzeitig schaukelt er sich um seine Längsachse in einem 26,5-Tage-Rhythmus. Stell dir vor, du versuchst, eine Erdnuss zu drehen, und sie beschließt, wie ein betrunkener Kreisel zu reagieren. Genau das passiert hier.
Die Wissenschaftler nennen das „komplexe Rotation". Aber ehrlich gesagt sollten wir es beim Namen nennen – der Asteroid macht zwei Dinge gleichzeitig, die nichts miteinander zu tun haben.
Wenn Sonnenlicht Geduld hat
Warum also diese ganze Taumelei? Die Antwort versteckt sich hinter dem sogenannten YORP-Effekt, und mal ehrlich – das ist einer dieser kosmischen Geschichten, die einen die Geduld des Universumsappreciieren lassen.
So funktioniert's: Sonnenlicht wärmt die Oberfläche eines Asteroiden auf, und diese Wärme strahlt später als Infrarotstrahlung zurück ins All. Klingt harmlos, oder? Aber Vorsicht – diese Strahlung wirkt wie ein winziger Raketenmotor, der nach außen drückt. Über Jahrmillionen summieren sich diese Mini-Kräfte.
Weil Donaldjohanson aber so eine unregelmäßige, klumpige Form hat, heben sich diese kleinen Kräfte nicht auf – wie bei einem schön runden Objekt. Stattdessen erzeugen sie einen Verdrehungseffekt, der die Rotation nach und nach verändert. Wissenschaftler schätzen, dass dieser Asteroid sich beim Entstehen mindestens zehnmal schneller gedreht hat. In den letzten 20 bis 60 Millionen Jahren hat YORP ihn aber stetig ausgebremst.
Bei anderen Asteroiden wie Bennu und Ryugu hat derselbe Prozess umgekehrt gewirkt – die drehten sich früher viel langsamer, bevor YORP sie auf Trab brachte. Bennu rotiert mittlerweile alle vier Stunden. Muss anstrengend sein, wenn man ein Stein wäre.
War da mal Wasser auf diesem trockenen Brocken?
Das hat mich echt umgehauen. Als Lucy mit 48.000 km/h an Donaldjohanson vorbeisauste (besser nicht zu lange darüber nachdenken), entdeckten ihre Instrumente eisenreiche Tonminerale auf der Oberfläche. Solche Minerale entstehen nur in Gegenwart von flüssigem Wasser.
Aber hier kommt's: Die Wasser-Exposition war wahrscheinlich ziemlich kurz. Das wissen Forscher, weil längerer Wasserkontakt dazu neigt, Eisen in den Tonmineralen durch andere Elemente wie Magnesium zu ersetzen. Die Tone auf Donaldjohanson sind noch eisenreich – das Wasser kam also und ging relativ schnell wieder.
Zum Vergleich: Bennu und Ryugu haben magnesiumreiche Tone, was auf viel längere Wasserperioden hindeutet – möglicherweise Millionen Jahre, während sie noch Teil größerer Mutterkörper waren. Dass Donaldjohanson so anders ist, deutet darauf hin, dass diese Asteroiden sich an verschiedenen Orten oder zu verschiedenen Zeiten gebildet haben könnten, bevor sie dort landeten, wo sie heute sind.
Warum sollte mich das interessieren?
Klar, Asteroiden sind nicht unbedingt die glamourösesten Himmelsobjekte. Sie haben nicht den Mystik von Mars oder die atemberaubenden Ringe des Saturn. Aber mal ehrlich: Diese felsigen Zeitkapseln sind im Grunde Überreste vom Bauplaneten unseres Sonnensystems. Jedes Mal, wenn wir einen aus der Nähe untersuchen, erfahren wir etwas Neues darüber, wo wir herkommen.
Und außerdem gibt es doch etwas wirklich Entzückendes daran, dass ein klumpiger, erdnussförmiger Gesteinsbrocken seit 155 Millionen Jahren durch den Asteroidengürtel wackelt, geformt von alten Zusammenstößen, sanftem Sonnenlicht und kurzen Wasserbegegnungen. Das Universum fühlt sich dadurch ein bisschen witziger an, ein bisschen persönlicher.
Die Lucy-Mission geht übrigens weiter – irgendwann soll sie die Trojanischen Asteroiden besuchen, die Jupiters Umlaufbahn teilen. Aber ich werde auf jeden Fall im Auge behalten, was diese kleine Sonde noch so über unsere chaotische, wunderschöne kosmische Nachbarschaft herausfindet.
Manchmal erzählen die kleinsten Objekte die größten Geschichten.