Warum du vielleicht noch heute mit dem Klavierspielen anfangen solltest
Lass mich dir etwas erzählen, das mich wirklich begeistert hat, als ich diese Woche darüber gestolpert bin. Forschende haben Hinweise gefunden, dass das Erlernen eines Musikinstruments — Gitarre, Keyboard, egal was — im Alter von 70 Jahren etwas bewirken kann. Nicht vielleicht ein bisschen. Ich rede von messbaren Unterschieden in der Gehirnstruktur und der kognitiven Leistungsfähigkeit.
Kann sich dein Gehirn mit 70 noch verändern?
Was mich an dieser Studie wirklich umgehauen hat: Wir dachten lange, dass sich unser Gehirn nach einem bestimmten Alter nicht mehr groß verändert. Neuroplastizität — also die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu verdrahten — galt als eher etwas für jüngere Menschen.
Aber diese Untersuchung aus Kyoto zeigt: Das stimmt so nicht.
Die Forschenden haben Erwachsene begleitet, die erst mit etwa 73 Jahren angefangen haben, ein Instrument zu lernen. Nach einer ersten Trainingsphase von vier Monaten hat die Hälfte der Teilnehmenden weitergemacht, die andere Hälfte hat sich anderen Hobbys zugewandt. Vier Jahre später waren die Unterschiede erstaunlich.
Was haben sie genau herausgefunden?
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich auf zwei Gehirnregionen konzentriert, die im Alter tendenziell schrumpfen: das Putamen und das Kleinhirn. Stell dir das Putamen als so eine Art Rhythmus-Koordinator vor und das Kleinhirn als Helfer für Timing und Bewegungssteuerung. Beide sind stark involviert, wenn du Musik machst.
Und so sahen die Ergebnisse aus:
Menschen, die aufgehört haben zu spielen, zeigten nachlassende verbale Arbeitsgedächtnisleistung — das ist die Fähigkeit, Informationen kurzzeitig im Kopf zu behalten und damit zu arbeiten, zum Beispiel eine Telefonnummer merken, während man nach einem Stift sucht. Außerdem war ihr rechtes Putamen tatsächlich geschrumpft.
Menschen, die weiter geübt haben, konnten ihre Gedächtnisleistung halten. Ihr Gehirn zeigte nicht die gleiche Schrumpfung. Und ihr Kleinhirn war über größere Bereiche aktiver.
Die leitende Forscherin Kaoru Sekiyama gab zu, dass sie selbst überrascht war. Selbst sie hatte nicht erwartet, dass die Effekte ausgerechnet in genau den Gehirnarealen so deutlich auftreten, die auch bei jüngeren Menschen auf musikalische Aktivität reagieren.
Warum ausgerechnet Musik?
Ich schreibe ja öfter über Hirnforschung, und ehrlich gesagt gibt es nicht zu knapp Studien, die sagen: „Mach Rätsel" oder „Beweg dich mehr." Aber Musik trifft offenbar einen besonderen Nerv.
Wenn du ein Instrument spielst, bist du nämlich nicht nur mit einer einzigen Sache beschäftigt. Du machst gleichzeitig:
- Noten lesen (visuelle Verarbeitung)
- Fingerbewegungen koordinieren (Motorik)
- Takt und Rhythmus halten (internes Zeitgefühl)
- Zuhören und korrigieren (akustische Rückmeldung)
- Muster und Sequenzen merken (Gedächtnis)
Das ist wie ein Ganz-Hirn-Training, das auch noch Spaß macht. Und im Gegensatz zu Sudoku oder Kreuzworträtseln gibt es hier eine körperliche, sinnliche Komponente, die noch mehr Hirnareale aktiviert.
„Es ist nie zu spät"
Das sind Sekiyamas Worte, und ich mag sie sehr. Wir reden oft über Hirngesundheit, als ob das Fenster für Verbesserungen spätestens mit 40 oder 50 zugemacht würde. Diese Forschung erinnert uns daran, wie anpassungsfähig unser Gehirn bleibt.
Sekiyama hat außerdem etwas gesagt, das ich für die öffentliche Gesundheit unglaublich wichtig finde: Musik könnte eine wertvolle Alternative für Menschen sein, die mit körperlicher Bewegung Schwierigkeiten haben. Wenn chronische Schmerzen, eingeschränkte Mobilität oder andere gesundheitliche Probleme regelmäßigen Sport schwierig machen, könnte ein Musikinstrument einen ähnlichen schützenden Effekt für das Gehirn bieten.
„Wie glücklich wir uns schätzen können, dass Musizieren so positive Auswirkungen auf Gehirn und kognitive Funktion hat!", hat sie gesagt.
Weißt du, als ich dieses Zitat gelesen habe, musste ich sofort an meinen Vater denken. Der hat schlechte Knie und sagt immer, er würde sich mehr bewegen, wenn sein Körper mitmachen würde. Mir ist direkt eingefallen, ob er nicht Lust hätte, endlich dieses Keyboard aus dem Abstellraum hervorzuholen.
Fazit
Du musst kein Konzertpianist werden. Du musst nicht mal gut sein. Die Menschen in dieser Studie waren Anfänger, die über Jahre hinweg einfach weitergemacht haben. Mehr nicht.
Wenn du jemals darüber nachgedacht hast, ein Instrument zu lernen, aber dir eingeredet hast, du seist „zu alt" — betrachte das hier als dein Zeichen. Dein Gehirn ist offenbar bereit und wartet.
Und falls du gerade überlegst, was du einem älteren Elternteil oder Großelternteil schenken könntest: Vielleicht diesmal lieber etwas Melodisches statt der üblichen Rätselhefte.
Dein zukünftiges Ich — und dein Putamen — wird es dir danken.
Quelle: ScienceDaily — https://www.sciencedaily.com/releases/2026/06/260613034217.htm