Science & Technology
← Home
Hirnlose Tiefsee-Kreatur stellt Evolutionstheorie auf den Kopf

Hirnlose Tiefsee-Kreatur stellt Evolutionstheorie auf den Kopf

2026-05-18T14:41:35.981807+00:00

Wie eine Quallen-Verwandte unser Bild von der eigenen Entwicklung umkrempelte

Man stelle sich vor: Wir teilen mit Seeanemonen einen biologischen Grundbauplan. Nicht nur entfernt, sondern ganz direkt auf der Ebene der Moleküle, die unseren Körper formen.

Seeanemonen – Meister der Einfachheit

Seeanemonen sind wahre Minimalisten. Sie besitzen weder Gehirn noch Nervensystem und keine klare Vorder- oder Rückseite. Ihr Körper wächst strahlenförmig vom Zentrum aus. Das gleiche Prinzip, das auch bei Quallen für Verwirrung sorgt: Wo ist eigentlich der Kopf?

Im Gegensatz dazu sind wir bilateral gebaut. Wir haben klare Achsen – vorne und hinten, oben und unten, links und rechts. Auf dem Stammbaum der Tiere liegen wir Welten auseinander.

Trotzdem teilen wir mit den Seeanemonen ein entscheidendes Werkzeug.

BMP: Molekulare Wegweiser im Embryo

Während sich ein Embryo entwickelt, brauchen die Zellen klare Anweisungen. Sie müssen wissen, wo sie sich befinden und was aus ihnen werden soll. Genau diese Aufgabe übernehmen die BMP-Moleküle.

Hohe Konzentrationen dieser Signalstoffe lassen Zellen zu Bauchhaut werden. Mittlere Werte fördern etwa die Nierenbildung. Niedrige Werte hingegen begünstigen die Entwicklung des Nervensystems.

Eine zweite Moleküle, Chordin, steuert den Transport. Es verteilt die BMP-Signale gezielt und schafft dadurch Konzentrationsunterschiede – eine Art biologisches GPS.

Die überraschende Entdeckung

Bislang galt dieses System als Spezialität bilateraler Tiere. Man dachte, nur komplexe Körperpläne bräuchten solche raffinierten Signalwege.

Doch Forscher der Universität Wien konnten zeigen: Auch Seeanemonen nutzen genau dasselbe Prinzip. Chordin transportiert BMP-Moleküle und sorgt für die passenden Signalgradienten.

Zwei völlig unterschiedliche Körperbaupläne. Und doch dieselbe molekulare Maschinerie.

Ein sehr altes Werkzeug

Die Erkenntnis hat Folgen. Das System muss bereits vor der Trennung der beiden Linien existiert haben – also vor etwa 600 bis 700 Millionen Jahren. BMP-Signale gehören damit zu den ältesten Baumechanismen im Tierreich.

Die offene Frage

Ob die bilaterale Körperachse nur einmal oder mehrmals entstanden ist, bleibt unklar. David Mörsdorf, der Leiter der Studie, hält es für möglich, dass die gemeinsame Vorfahrenform bereits bilateral war.

Warum uns das betrifft

Jede neue Erkenntnis über diese alten Mechanismen erzählt uns etwas über uns selbst. Seeanemonen ohne Gehirn arbeiten mit denselben Instruktionen wie wir. Das zeigt: Viele unserer biologischen Grundlagen sind weitaus älter als wir denken.

#evolution #biology #marine life #developmental biology #genetics #sea anemones #science discovery