Als Wunschdenken auf schlechten Journalismus trifft
Ich erzähle euch mal von einem der spektakulärsten Publishing-Desaster der Geschichte. Und das Verrückte daran? Es hätte wirklich nicht passieren müssen.
Stellt euch das vor: Es ist 1983, und das Magazin Stern verkündet vollmundig, man habe gerade 60 Bände von Adolf Hitlers privaten Tagebüchern erworben. Sechzig Bände! Geschrieben zwischen 1932 und 1945. Die Welt dreht durch. London's Sunday Times legt sofort über eine Million Dollar auf den Tisch für die Veröffentlichungsrechte.
Die Pressekonferenz wird abgehalten. Experten nicken weise. Der Authentifizierungsprozess... naja, sagen wir mal: Es gab einen.
Und dann wird es peinlich. Innerhalb von zwei Wochen zerfällt das ganze Ding in seine Bestandteile. Die Tagebücher sind gefälscht. Total, komplett, Stirn-auf-den-Tisch-hauend gefälscht.
Die Spuren, die alles hätten verraten können
Man könnte ja meinen, dass jemand, bevor er 3,7 Millionen Dollar überweist (das wären heute um die elf Millionen, Leute), vielleicht mal hätte prüfen können, ob das Papier überhaupt aus der richtigen Zeit stammt?
Spoiler: Hat man nicht.
Es stellte sich heraus, dass die Tagebücher auf Papier geschrieben waren, das nach 1945 hergestellt wurde. Nach Hitlers Tod. Die Einbände waren mit Tee künstlich gealtert worden. Tee! Genau wie meine Großmutter das früher mit ihren alten Briefen gemacht hat, damit sie antik aussahen.
Und die Unterschrift? Ein einziges Desaster. Kujau — der eigentliche Fälscher, der unter dem falschen Namen „Konrad Fischer" auftrat — hat auf den Einbänden versehentlich „FH" statt „AH" geschrieben. Das wäre dann „Friedrich Hitler" statt „Adolf Hitler." Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mal sicher, ob es „Friedrich Hitler" überhaupt gibt.
Die Geschichte, die Hollywoods Drehbuchautoren neidisch gemacht hätte
Die Story hinter diesen „entdeckten" Tagebüchern war purer Fantasie-Roman. Angeblich waren sie beim Absturz eines Flugzeugs gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen und dann jahrzehntelang in einem Heuboden versteckt gewesen. Gerd Heidemann, der Reporter, der dieses goldene Geschenk an den Stern brachte, ließ nebenbei weg, dass er ordentlich Geld in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.
Und als wäre das nicht genug: Der Inhalt war... naja, sagen wir, auffällig schmeichelhaft für Hitler. In diesen Tagebüchern hatte unser Mann nichts mit dem Holocaust zu tun und fand die Verfolgung der Juden durch das Dritte Reich eigentlich etwas übertrieben.
Wirklich? Der Kerl, der den Holocaust organisiert hat, fand die Judenverfolgung zu weit?
Sogar auf der Pressekonferenz selbst waren Leute skeptisch. Aber da war so viel Geld bereits geflossen, dass alle entschlossen schienen, so zu tun, als wäre das Zeug echt.
Das „Authentifizierungs"-Desaster
Hier verliere ich wirklich den Respekt vor den Erwachsenen im Raum.
Man zog Hugh Trevor-Roper hinzu, einen renommierten britischen Historiker, um die Tagebücher zu authentifizieren. Er legte sich öffentlich fest. Seine Karriere war danach im Grunde vorbei.
Warum glaubte er das Zeug? Seinem eigenen Bericht nach vor allem, weil es so viele Seiten gab. Klar, weil natürlich Hitler ein detailliertes privates Tagebuch geführt hat, obwohl er im gesamten übrigen Erwachsenenleben nie eines geführt hatte.
Und der Stern erzählte Trevor-Roper, man habe chemische Analysen des Papiers durchgeführt. Hatte man nicht. Man hatte es einfach nur... behauptet? Und er hat's geglaubt?
Was aus dem Fälscher geworden ist
Konrad Kujau (der echte Name, nicht vergessen) gestand und saß etwa drei Jahre. Gerd Heidemann bekam über vier Jahre wegen seiner Rolle bei dem Schwindel, einschließlich seiner Veruntreuung.
Aber jetzt kommt der Clou, über den ich jedes Mal lachen muss: Als Kujau aus dem Gefängnis kam, startete er eine neue Karriere als Verkäufer von „echten Fälschungen" berühmter Gemälde. Der Mann hat buchstäblich ein Buch namens Die echten Hitler-Tagebücher geschrieben und hält Vorträge darüber, wie man Dokumente fälscht.
Nicht der kleinste Hauch von Reue.
Die Lehre daraus (weil es eine gibt)
Was können wir aus dem ganzen Schlamassel lernen?
Erstens: Vielleicht erst mal prüfen, ob die Ware echt ist, bevor man Millionen überweist. Zweitens: Misstrauisch sein, wenn etwas zu gut klingt — oder zu praktisch. Und drittens: Nur weil etwas teuer ist und Experten sagen, es sei authentisch, heißt das nicht, dass man seine eigene Recherche skippen kann.
Die Hitler-Tagebuch-Affäre ist eine Geschichte über Gier, Hybris und das verzweifelte menschliche Bedürfnis, etwas Sensationales zu glauben. Sie erinnert uns daran, dass selbst die „Experten" katastrophal danebenliegen können, wenn sie sich wünschen, dass etwas stimmt.
Manchmal ist die langweilige Antwort — es ist wahrscheinlich gefälscht — die richtige.