Das Boot, das es nicht geben sollte
Ich muss euch davon erzählen. Einfach zu cool, um es für mich zu behalten.
Stellt euch vor: Jahrgang 1943. Deutsche Ingenieure bauen ein Schnellboot mit Flugzeugmotor. Aluminium von außen, Tempo im Inneren. Fürs Mittelmeer gedacht. Minen legen, feindliche U-Boote aufspüren. Schnell, innovativ, gewagtert — im Grunde ein schwimmendes Labor.
Dann endet der Krieg. Und von diesen Booten fehlt jede Spur. Einfach weg. In der Versenkung verschwunden.
Bis jemand beschließt, nachzusehen.
Die Suche beginnt
2013 wird ein Historiker namens Karelas George besessen von der Frage: Existiert noch eines davon? Er holt sich das Team AegeanTec mit ins Boot und durchkämmt alte Dokumente, Seekarten, Kriegsakten. Detektivarbeit, nur dass die Spuren über Jahrzehnte verteilt liegen. Und der Tatort 96 Meter unter Wasser liegt.
Ja, richtig gelesen. Fast hundert Meter. Kein Sonntagstauchgang.
Mit Sonartechnik scannen sie den Meeresboden, etwa hundert Kilometer nördlich der griechischen Insel Lefkada. Und dann: ein Schatten auf dem Bildschirm. Ein Wrack, das in keiner Liste auftaucht.
Die Taucher steigen ab in die dunkle Tiefe. Was sie vorfinden: ein zwölf Meter langes Boot, weitgehend heil, auf dem Grund liegend wie ein schlafendes Tier.
Was sie vorfanden
Jetzt wird's spannend.
Das Wrack trägt die Kennung LS 6 — eine dieser experimentellen deutschen Schnellbooten, offiziell "Leichte Schnellboote" genannt. Und hier das Ding: Historiker waren überzeugt, dass kein einziges dieser Boote den Krieg überlebt hatte. Alle verloren. Alle verschwunden.
Bis jetzt.
Die Forscher blicken durch eine Luke und sehen die Silhouette von Jumo-Flugzeugmotoren. Flugzeugmotoren, Leute. In einem Boot. Wie verrückt ist das denn? Dazu kommen Rumpftrümmer und später ein entscheidendes Detail: Überreste eines Abschleppseils. Genau das Seil, das beim Transport zur Reparatur verwendet wurde.
Dieses Detail liefert den endgültigen Beweis. Kein Zweifel — das ist die LS 6.
Das Pech der LS 6
Was ist eigentlich passiert?
Den Recherchen zufolge erlitt die LS 6 am 24. September 1943 Beschädigungen. Der wahrscheinliche Verursacher: italienische Jagdbomber. Italien hatte gerade die Seiten gewechselt, die Piloten flogen plötzlich für die Alliierten. Sie trafen den Rumpf. Das Boot musste nach Piräus geschleppt werden.
Doch die Schäden waren zu schwer. Auf halber Strecke ging es unter.
Interessant dabei: Das aluminiumverkleidete Material hat das Boot praktisch konserviert. Die meisten Schiffe aus dieser Ära sind längst verrottet. Aluminium verhält sich unter Wasser anders — es rostet nicht weg, es hält.
Warum das wichtig ist
Das AegeanTec-Team hat es treffend gesagt: "Wenige Erfahrungen reichen an das Privileg heran, als Erster ein vergessenes Stück Geschichte zu betauchen, zu dokumentieren und zu identifizieren."
Dem stimme ich voll zu. Wir kennen alle die großen Ausstellungsstücke — die berühmten Kriegsschiffe, die bestens dokumentierten Flugzeuge. Aber die experimentellen Projekte? Die seltsamen Einzelstücke, die nie ins Geschichtsbuch geschafft haben? Genau die sind die wahren Schätze.
Diese Boote waren ihrer Zeit voraus. Leicht, schnell, mit Technik, die erst Jahrzehnte später Standard wurde. Und nun, 96 Meter unter der Oberfläche, ist die LS 6 das einzige bekannte Überbleibsel ihrer Art auf der Welt.
Das ist nicht einfach ein Wrack. Das ist eine Zeitkapsel.
Quelle: Popular Mechanics
https://www.popularmechanics.com/science/archaeology/a73516566/ls6-german-boat-discovery