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Moment mal: Diese Königin ist 1.400 Jahre alt – und ihre Lunge ist erhalten geblieben. Was Forscher darin fanden

Moment mal: Diese Königin ist 1.400 Jahre alt – und ihre Lunge ist erhalten geblieben. Was Forscher darin fanden

2026-08-27T21:36:42.643785+00:00

Die Königin, die sich selbst konservierte

Stell dir vor: Es ist das Jahr 1959. Im Keller der Basilika von Saint-Denis in Paris kniet ein französischer Archäologe namens Michel Fleury vor einem uralten Steinsarkophag. Was er gleich entdecken wird, ist alles andere als gewöhnlich.

Denn hier liegt Königin Arnegunde begraben – eine merowingische Herrscherin aus dem 6. Jahrhundert.

Als Fleury den Sarg öffnet, findet er zunächst das, was er erwartet: Knochen. Nach 1.400 Jahren ist von Weichgewebe meist nichts mehr übrig. Doch dann bemerkt er etwas Seltsames. Zwischen den Skelettresten liegt eine ihrer Lungen. Noch vorhanden. Noch erhalten.

Ich muss zugeben: Das finde ich ziemlich verrückt. Wir reden hier nicht von einem ägyptischen Pharao, der akribisch in Tonnen von Natron einbalsamiert wurde. Nein, das hier ist eine fränkische Königin, deren Bestattung deutlich... sagen wir: unkomplizierter ablief. Und trotzdem entschied sich ausgerechnet eine einzelne Lunge, der Verrottung zu trotzen.

Wer war diese Frau eigentlich?

Arnegunde war in ihrer Zeit keine Unbekannte. Sie war eine von sechs Frauen König Chlotars I. – ja, sechs, denn anscheinend galt im Merowingerreich das Prinzip „viel hilft viel" – und brachte König Chilperich I. von Neustrien zur Welt. Sie lebte ungefähr von 515 bis 580 nach Christus. Für diese Epoche war das ein stattliches Alter. Die durchschnittliche Lebenserwartung? Definitiv nicht 65.

Bei der Untersuchung der Überreste entdeckten Forscher Spuren ihrer einst prächtigen Garderobe: ein rotbrauner Seidenrock, gesichert mit Goldlitze, eine violette Seidenbluse und ein zartes Kopftuch, verziert mit Stecknadeln aus Gold und Granat-Klusoné. Begraben wurde sie mit Schmuck aus Gold und Silber – darunter ein Ring, der buchstäblich ihren Namen trug: Arnegundis. Ich liebe die Vorstellung, dass sie selbst im Tod sichergehen wollte, dass niemand sie mit einer anderen verwechselte.

Und apropos Stil: Sie trug geschnallte Lederschuhe mit Tiermotiven. Tiermotiven. Könige hatten schon immer einen interessanten Geschmack.

Warum überlebte nur die Lunge?

Jahrzehntelang rätselten Forscher, warum ausgerechnet dieses eine Organ erhalten blieb, während alles andere längst zerfallen war. War es die kühle, trockene Umgebung der Basilika? Irgendein chemischer Zufall? Oder eine Prise antike Mumifizierungsmagie?

2016 griff schließlich Raffaella Bianucci, eine Bioanthropologin der Universität Turin, das Rätsel auf. Was sie herausfand, ist faszinierend.

Mithilfe hochmoderner Mikroskopietechniken entdeckte Bianucci, dass Arnegunde künstlich mumifiziert worden war – nur eben nicht auf die traditionell ägyptische Art. Nach dem Fall Roms verbreiteten sich die Konservierungstechniken zwar, aber die Franken kopierten nicht einfach. Sie entwickelten eigene Methoden weiter.

Anstatt die inneren Organe zu entnehmen – ein Standard-Trick der ägyptischen Mumifizierung – gingen die fränkischen Einbalsamierer einen anderen Weg. Sie füllten den Körper mit einer Mischung aus Harzen, Kräutern und Pflanzenmaterialien – verabreicht durch den Mund. Man könnte es als eine Art interne Konservierungscocktail bezeichnen.

Aber hier wird es richtig spannend: Die Forscher fanden heraus, dass auch der Kupfergürtel der Königin eine Rolle spielte. Das Metall ihres prunkvollen Gürtels reagierte chemisch mit den Einbalsamierungssubstanzen und trug möglicherweise zur Erhaltung der Lunge bei. In dem erhaltenen Gewebe fanden sich hohe Konzentrationen von Kupferionen und Kupferoxid.

Natur und Umstände, die über 14 Jahrhunderte hinweg zusammenarbeiten. Das hat doch etwas Schönes, oder?

Aber warum ausgerechnet die Lunge?

Logisch, dass sich jetzt die Frage stellt: Von allen Organen – warum die Lunge?

Lungen haben tatsächlich einen biologischen Vorteil. Im Vergleich zu anderen Weichgeweben enthalten sie weniger Epithelzellen – jene Zellen, die Lysosomen beherbergen. Und Lysosomen beschleunigen bekanntlich den Gewebeabbau nach dem Tod. Weniger Lysosomen bedeuten also langsamere Zersetzung. Wer hätte gedacht, dass Atemorgane dieses versteckte Talent besitzen?

Zwischen der künstlichen Einbalsamierung, der Chemie des Kupfergürtels, der kühlen Umgebung der Basilika und der natürlichen Widerstandsfähigkeit der Lunge – Arnegundes Atmungsorgan hatte einfach mehr Glück als ihre anderen Organe.

Was uns das über königliche Bestattungen erzählt

Was mich an dieser Entdeckung am meisten fasziniert: Sie zeigt, wie ernst die Franken das Thema Tod nahmen. Mumifizierung war nicht nur den Ägyptern vorbehalten – sie war auch für fränkische Eliten ein Statussymbol, adaptiert aus romanischen Techniken nach dem Fall ihres Reiches.

Es ging nicht nur darum, den Körper für eine Jenseitsreise intakt zu halten. Es ging um Vermächtnis. Um Erinnerung. Um die Gewissheit, dass spätere Generationen beim Öffnen dieser Gräber noch immer etwas vorfinden würden, das von Macht und Prestige erzählte.

Königin Arnegunde redet seit 1.400 Jahren zu uns. Und jetzt, dank moderner Wissenschaft, verstehen wir langsam, was sie uns sagen will.

Nicht schlecht für eine Frau, die starb, bevor Antibiotika, Elektrizität oder der Buchdruck auch nur ansatzweise existierten.

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