Ötzis stille Mitbewohner
Du kennst doch Ötzi, oder? Den Mann aus dem Eis, den man 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden hat. Jahrelang haben Wissenschaftler ihn untersucht. Ehrlich gesagt dachte ich, wir wissen inzwischen so gut wie alles über diese 5.300 Jahre alte Mumie.
Tja, weit gefehlt. Der Mann hatte Mitfahrer.
Forscher haben gerade neue Ergebnisse im Journal Microbiome veröffentlicht. Und ich – jemand, bei dem normalerweise schon beim Wort „Bakterium" die Augen zufallen – fand das plötzlich richtig spannend. Die Wissenschaftler berichten von Organismen, die es sich bei Ötzi gemütlich gemacht haben. Nicht nur als tote Überreste aus seiner Zeit, sondern als lebende Mikroorganismen, die dort seit Jahrtausenden überdauern.
Was im Inneren schlummert
Fangen wir mit Ötzis Darm an.
Das Team nutzte verschiedene Methoden, um herauszufinden, welche Mikroorganismen schon zu Ötzis Lebzeiten dabei waren und welche sich erst später eingenistet haben. Sie untersuchten Eis von der Oberfläche, Schmelzwasser im Inneren, zahllose Abstriche und sogar Bodenproben vom Fundort – der seit 1991 gefroren geblieben ist.
Was sie in Ötzis Gedärmen und Mageninhalt fanden, war bemerkenswert: sein ursprüngliches Darmmikrobiom. Diese mikrobielle Gemeinschaft wurde zwar schon 2019 erstmals beschrieben, doch die neuen Untersuchungen zeigen, wie besonders sie wirklich ist.
Ötzis Darmflora ähnelt stark den wenigen bekannten Mikrobiomen früher menschlicher Populationen. Viele dieser Bakterien findet man bei Menschen in modernen Industriegesellschaften kaum noch. Es sind Mikroben, die Menschen einst vor Jahrtausenden mit sich trugen – bevor sterile Lebensweisen, verarbeitete Lebensmittel und Antibiotika sie verdrängten.
Stell dir das wie ein lebendiges Foto vor, das zeigt, wie menschliche Verdauung funktionierte, bevor die Zivilisation alles umkrempelte.
Die Hefen, die einfach nicht gehen wollten
Jetzt wird's richtig interessant.
Die Forscher entdeckten kälteliebende Hefearten, die wahrscheinlich vom Gletscher selbst stammten. Diese kleinen Überlebenskünstler hängen schon seit Tausenden von Jahren bei Ötzi rum – vielleicht sogar seit er zum ersten Mal einfror.
Woher wissen sie das? Gentests zeigten, dass diese Hefen mit Stämmen verwandt sind, die man an extrem kalten Orten findet – einschließlich der Antarktis. Das deutet stark darauf hin, dass sie ursprünglich vom Gletscher kamen und einfach nie weggegangen sind.
„Wir sehen hier Kontinuität", erklärt Frank Maixner, Leiter des Instituts für Mumienforschung bei Eurac Research. „Diese Hefen begleiten Ötzi auf seiner langen Reise durch die Jahrtausende."
Und jetzt halt dich fest: Die Wissenschaftler fanden sowohl stark abgebautes (also uraltes) DNS als auch gut erhaltenes (also modernes) DNS derselben Organismen. Das bedeutet: Diese Mikroorganismen sind nicht bloß biologische Überreste. Sie existieren unter den aktuellen Lagerungsbedingungen der Mumie weiter – bei minus sechs Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit.
Manche überleben vielleicht sogar in einem Ruhezustand. Einfach abwartend.
Eine Mumie, die alles andere als tot ist
Was mich an dieser Forschung am meisten beeindruckt hat: Sarhan, der Hauptautor, brachte es perfekt auf den Punkt. Er sagte, das Mikrobiom einer Mumie sei einzigartig, weil man es mit Mikroben zu tun hat, die über 5.000 Jahre alt sind – und gleichzeitig mit modernen Mikroben, die sich seit der Entdeckung angesiedelt haben.
Aber mehr noch: Die Forschung zeigt, dass Ötzi dort im Museum nicht als totes Relikt vor sich hin döst. Er ist ein „dynamisches biologisches System", wie Maixner es nennt.
Lass das einen Moment sinken. Wir bewahren nicht einfach einen Körper auf. Wir bewahren ein Ökosystem auf. Ein winziges, uraltes Ökosystem, das immer noch in ständigem Austausch mit sich selbst steht.
Die Wendung: Wir haben sie womöglich gefüttert
Hier kommt ein Plot-Twist, der ebenso faszinierend wie ein bisschen peinlich für uns Menschen ist.
Drei der vier Hefearten haben eine besondere Fähigkeit: Sie können Phenol abbauen. Und weißt du, wofür Phenol nach Ötzis Entdeckung verwendet wurde? Um Pilzbefall von der Oberfläche der Mumie zu entfernen.
Mit unseren gut gemeinten Konservierungsversuchen haben wir also vielleicht unwissentlich ein Büffet für diese Hefen geschaffen. Die Organismen könnten unsere Konservierungsmittel jahrzehntelang als Nahrungsquelle genutzt haben.
Ups.
Warum das mehr ist als nur ein cooles Faktum
Abgesehen vom reinen Staunen über lebende Organismen, die Tausende Jahre alt sind, hat diese Forschung auch ganz handfeste praktische Bedeutung.
Zum einen hilft sie Wissenschaftlern zu verstehen, wie Gletschermumien so lange erhalten bleiben. Marco Samadelli, Experte für Konservierung, betont: „Die Bedingungen, unter denen Gletschermumien erhalten werden, sind noch nicht vollständig verstanden. Diese Studie erweitert unser Wissen in diesem Bereich."
Aber es gibt noch mehr. Diese kälteliebenden Mikroorganismen können bei Temperaturen funktionieren, bei denen viele andere Arten längst aufgeben würden. Das macht sie enorm wertvoll für industrielle Prozesse, die weniger Energie brauchen – einschließlich Fermentation bei niedrigen Temperaturen.
Stell dir vor, man nutzt diese uralten Verwandten antarktischer Hefen, um Produkte nachhaltiger herzustellen. Science-Fiction? Nicht mehr lange.
Ötzi für kommende Generationen schützen
Das Südtiroler Archäologiemuseum betreut Ötzis Erhaltung, und laut Direktorin Elisabeth Vallazza „sind die Konservierungsbedingungen heute sehr stabil". Sie räumt aber ein, dass „weitere Forschung und vollständige Konservierungsmaßnahmen nötig sind, um ihn für viele weitere Generationen zu bewahren".
Das Team überwacht Ötzis Mikrobiom weiterhin und achtet darauf, dass diese winzigen Begleiter keinen Schaden anrichten, während sie weiter ihre jahrtausendealte Wache halten.
Abschließende Gedanken
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde das absolut magisch. Wir denken bei Ötzi meist an einen eingefrorenen Moment – eine Sekunde, die im Eis konserviert wurde. Doch diese Forschung zeigt uns etwas anderes: Ötzi ist Teil einer lebendigen Geschichte, umgeben von Organismen, die diese gefrorene Reise genauso lange mitgemacht haben wie er.
Diese kleinen Hefen und Bakterien sind keine bloßen Passagiere. Sie sind Gefährten. Und sie haben uns noch viel mehr beizubringen – über Überleben, Bewahrung und was es eigentlich bedeutet, „lebendig" zu sein.
Das nächste Mal, wenn du Ötzi hinter der Glasscheibe betrachtest, denk daran: Er ist nicht allein. Er war es nie.