Warum wir alle ein bisschen Elstern sind
Ihr kennt das vielleicht: Man geht spazieren, sieht einen hübschen Stein, hebt ihn auf, hält ihn gegen das Licht und steckt ihn ein. Einfach so. Ohne Grund. Nur weil er schön aussieht.
Tja, anscheinend machen wir das schon eine halbe Ewigkeit.
Ein Stein im Grab
Archäologen haben Kristalle an Orten gefunden, an denen Überreste des Homo entdeckt wurden — und zwar 780.000 Jahre alte. Keine Werkzeuge. Keine Waffen. Kein Schmuck. Einfach hübsche Steine.
Warum, fragte sich die Forschung, sammelten unsere Vorfahren glitzernde Dinger, die rein gar nichts nützten?
Die Antwort kam aus einer unerwarteten Richtung: von Schimpansen.
Der Test
Forscher um Professor Juan Manuel García-Ruiz vom Donostia International Physics Center in Spanien wollten verstehen, was Kristalle so faszinierend macht. Also griffen sie zum logischsten Vergleich: zu unseren nächsten lebenden Verwandten.
Sie gaben zwei Schimpansengruppen große Kristalle und normale Steine derselben Größe. Das Ergebnis? Kristalle gewannen. Klar, oder?
Ein Schimpanse namens Yvan nahm einen Kristall sogar mit in sein Schlafquartier. Als die Forscher ihn zurückhaben wollten, mussten sie mit Bananen und Joghurt handeln. Kann ich verstehen, ehrlich gesagt.
Schneller als gedacht
Aber jetzt wird es richtig spannend.
Die Forscher legten kleine Quarzkr
istallchen in Stapel mit je 20 normalen Kieselsteinen. Die Schimpansen fanden die Kristalle innerhalb weniger Sekunden. Selbst als die Forscher verschiedene Kristalltypen mit unterschiedlichen Formen mischten, pickten die Affen sie raus.
Die Schimpansen begannen sogar, die Transparenz der Kristalle zu prüfen — indem sie sie auf Augenhöhe hielten und hindurchschauten. Eine Schimpansin namens Sandy transportierte Steine und Kristalle in ihrem Mund zu einer Holzplattform und sortierte sie in getrennte Gruppen.
Das ist ungewöhnlich. Schimpansen tragen normalerweise keine Gegenstände im Mund. Sandy behandelte diese Kristalle offenbar als etwas Besonderes — genau wie unsere Vorfahren vor 780.000 Jahren.
Warum funktionieren Kristalle so gut?
Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass es zwei Eigenschaften sind: Transparenz und geometrische Form.
Mal nachgedacht? Die meiste Natur ist krumm und organisch — Bäume, Flüsse, Wolken, Tiere. Aber Kristalle? Das sind die einzigen natürlichen Objekte mit flachen Oberflächen und perfekt geraden Kanten. In einer Welt voller Chaos sind sie mathematische Anomalien.
Irgendwas an dieser Symmetrie, am Licht, das durch sie hindurchfällt, an den scharfen Winkeln — das fasziniert unser Gehirn. Und anscheinend auch das unserer nächsten Verwandten.
Was uns das über uns verrät
Für mich zeigt diese Studie etwas Schönes über den Menschen.
Wir stellen uns unsere Vorfahren gern als reine Überlebensmaschinen vor — fokussiert auf Jagd, Fortpflanzung und Kalorien. Aber dass sie eine Million Jahre lang nutzlose hübsche Dinge sammelten? Das widerspricht diesem Bild.
Wir waren nie nur praktisch. Wir waren immer neugierig. Und wir fanden schon immer Bedeutung in Schönheit — nur weil sie schön ist.
Die Forscher bemerkten übrigens auch, dass manche Schimpansen mehr Interesse an Kristallen zeigten als andere. Es gibt offenbar Persönlichkeitsunterschiede, wie García-Ruiz es formulierte — „Don Quijotes und Sanchos", Idealisten und Pragmatiker. Manche von uns bemerken solche Dinge einfach mehr.
Und jetzt?
Natürlich lebten die getesteten Schimpansen in der Nähe von Menschen. Wildpopulationen könnten anders reagieren. Das sollte noch untersucht werden.
Aber ich glaube, wir haben bereits etwas Bemerkenswertes gelernt:
Unsere Vorliebe für Kristalle ist kein kulturelles Geschnickesack. Sie sitzt tief — tief genug, dass wir sie mit unseren nächsten Verwandten teilen. Irgendwo in unserer gemeinsamen Evolutionsgeschichte wurde das Bemerken schöner, ungewöhnlicher Objekte so vorteilhaft, dass es Millionen Jahre überdauerte.
Also, wenn jemand das nächste Mal über eure Kristallsammlung lacht: Erzählt ihm, dass ihr Verhalten betreibt, das fast eine Million Jahre alt ist. Das ist nicht seltsam. Das ist ererbt.
Und ich finde, das ist ziemlich cool.
Quelle: ScienceDaily