Was haben Seeanemonen und Menschen gemeinsam?
Also, ich muss euch jetzt echt etwas erzählen, das mich erstmal eine ganze Weile fassungslos auf meinen Bildschirm starren ließ. Kennt ihr diese Seeanemonen? Diese seltsamen, wunderschönen flowerartigen Wesen, die sich an Felsen im Ozean festkrallen und nicht ein einziges Gehirn im Leib haben? Tja, anscheinend halten sie das Geheimnis parat, wie wir uns selbst gebaut haben.
Ja, ich weiß. Das ist eine ganze Menge zu verarbeiten.
Der Stammbaum wird kompliziert
Lasst mich kurz ausholen, warum das hier so eine große Sache ist. Wenn Wissenschaftler Tiere einordnen, teilen sie sie meist in zwei große Gruppen ein – je nachdem, wie ihre Körper aufgebaut sind. Da gibt es einmal die Nesseltiere – das sind Seeanemonen, Quallen und Korallen – und dann die Bilateraltiere, also im Grunde alles andere mit einer Vorder- und Rückseite, einer linken und rechten Körperhälfte. Fische, Vögel, Hunde, und ja, Menschen wie du und ich.
Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass diese beiden Gruppen ihre Körper auf völlig unterschiedliche Weise aufbauen. Schließlich wächst eine Seeanemone von einem zentralen Punkt nach außen – wie eine aufblühende Blume. Wir Bilateraltiere dagegen bauen uns von Kopf bis Fuß entlang einer klaren Achse auf.
Aber jetzt wird es spannend.
Die "Baupläne" könnten älter sein als gedacht
Ein Forscherteam von der Universität Wien hat eine Entdeckung gemacht, die die Evolutionsbiologie auf den Kopf stellt. Sie fanden heraus, dass Seeanemonen eine Technik namens BMP-Shuttling nutzen, um ihre Körper zu formen – und das ist haargenau dieselbe Methode, die auch wir Menschen verwenden.
Also, was genau ist BMP-Shuttling? Versuche ich mal, es einfach zu erklären. In eurem Körper gibt es diese molekularen Botenstoffe, die Bone Morphogenetic Proteins (BMPs). Während der Entwicklung geben diese kleinen Kerle euren embryonalen Zellen zu verstehen, wo sie sich im Körper befinden und welches Gewebe sie werden sollen. Wenn der BMP-Spiegel niedrig ist, wissen Zellen, dass sie das zentrale Nervensystem bilden sollen. Mittlere Werte bedeuten „baue eine Niere". Hohe Werte sagen den Zellen, sie sollen Bauchhaut werden.
Es ist wie ein ausgefeiltes Spiel von Heiß und Kalt, bei dem Proteinsignale den Zellen den Weg weisen. Und jetzt kommt das Verrückte: Wissenschaftler entdeckten, dass Seeanemonen genau dasselbe Signalsystem nutzen – inklusive eines Stoffes namens Chordin, der als eine Art Shuttle die BMPs durch den Körper transportiert.
Warum ist das so wichtig?
Die Bedeutung ist gewaltig. Wenn Seeanemonen und Menschen beide BMP-Shuttling zum Körperbau nutzen, dann muss dieser Mechanismus uralt sein. Diese beiden Tiergruppen trennten sich vor etwa 600 bis 700 Millionen Jahren – noch bevor es überhaupt etwas gab, das auch nur entfernt einem komplexen Organismus ähnelte.
Wie der Forscher David Mörsdorf es formulierte, taucht dieser Mechanismus „immer wieder in sehr weit entfernt verwandten Tieren auf" – was ihn zu einem starken Kandidaten dafür macht, dass selbst unsere frühesten Vorfahren ihn schon beherrschten.
Natürlich lässt die Wissenschaft immer Raum für Zweifel. Die Forscher räumen ein, dass es theoretisch möglich – wenn auch unwahrscheinlich – ist, dass beide Gruppen diese Technik völlig unabhängig voneinander entwickelt haben. Aber wenn sie dieses genetische Werkzeug teilen, dann ist die aufregendere Erklärung, dass unser letzter gemeinsamer Vorfahre, tief in der Ursuppe, diese Körperbau-Anleitung bereits in seinem Repertoire hatte.
Was bedeutet das für uns?
Hier werde ich ein bisschen philosophisch. Wir reden hier von einem Meerestier ohne Gehirn, ohne Herz, ohne alles, was auch nur entfernt unserer komplexen Anatomie ähnelt. Und doch nutzen wir auf molekularer Ebene dieselbe Bauanleitung.
Das lässt einen schon darüber nachdenken, welche anderen uralten Geheimnisse in Kreaturen stecken könnten, die wir kaum beachten. Die Seeanemone ohne Gehirn mag wie eines der einfachsten Tiere auf der Erde wirken – aber vielleicht war „einfach" genau das, was unser gemeinsamer Vorfahre sein musste. Vielleicht wurde der Bauplan für alles, was danach kam – Fische, Dinosaurier, Hunde, Menschen – in jenen alten Gewässern geschrieben und wartete darauf, dass wir herausfinden: Wir waren die ganze Zeit Familie.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich werde das nächste Mal, wenn ich eine Seeanemone im Aquarium sehe, wohl etwas anders hinschauen. Sie sind nicht nur hübscher Ozeanschmuck – sie tragen ein Stück unserer ältesten biologischen Erbschaft in sich, versteckt in ihren strahlungssymmetrischen, gehirnlosen, völlig fremden kleinen Körpern.
Ziemlich cool, oder?
Quelle: Popular Mechanics