Spiegelbild-Leben: Warum die „falsche“ Hand die Biologie revolutionieren könnte
Hast du schon mal versucht, einen linken Handschuh an die rechte Hand zu ziehen? Es fühlt sich klobig an, passt einfach nicht und ist ziemlich unpraktisch.
In der Chemie gibt es genau dieses Phänomen. Man nennt es Chiralität – oder auf gut Deutsch: Händigkeit. Viele Moleküle existieren in zwei Versionen, die absolut identisch aussehen: Die Atome sind dieselben, die Verbindungen sind gleich. Aber sie sind Spiegelbilder voneinander. Genau wie deine linke und deine rechte Hand kannst du sie nicht perfekt übereinanderlegen.
Auf der Erde ist fast alles „rechtshändig“. Unsere DNA, unsere Zucker und unsere Aminosäuren haben alle eine ganz bestimmte Drehrichtung. Aber was wäre, wenn es Leben gäbe, das komplett aus der „linkshändigen“ Version besteht? Forscher nennen das Spiegelbild-Leben (Mirror Life).
Warum ist das wichtig? (Spoiler: Es geht um Überlebenskampf)
Bevor du jetzt mit dem Fernglas im Garten nach spiegelbildartigen Aliens Ausschau hältst: Spiegelbild-Leben ist bisher rein hypothetisch. Wir haben es noch nicht gefunden und auch noch nicht im Labor erschaffen.
Aber die Wissenschaft macht sich bereits Gedanken. Warum? Weil Spiegelbild-Leben extrem schwer zu kontrollieren wäre. Wenn wir es schaffen, solche Organismen in der synthetischen Biologie im Labor zu bauen, könnten sie „unsichtbare“ Eindringlinge sein.
Stell dir vor, eine Spiegelbild-Bakterie gelangt in die Natur: Unsere natürlichen Fressfeinde könnten sie nicht verdauen, und unser Immunsystem würde sie vielleicht gar nicht erst als „Beute“ oder „Gegner“ erkennen. Es wäre, als würde man Schach spielen, aber die Spielfiguren des Gegners fliegen einfach durch deine eigenen Figuren hindurch, ohne dass sie sich berühren.
Licht als Detektiv-Werkzeug
Wie findet man etwas, das chemisch exakt wie normales Leben aussieht, aber „verkehrt herum“ verdreht ist?
Wissenschaftler der University of Strathclyde und der Durham University haben eine geniale Idee: Sie nutzen Licht.
Ihr Vorschlag basiert auf der sogenannten Circularly Polarized Luminescence (CPL). Du kennst das Prinzip vielleicht von 3D-Brillen im Kino. Die Idee ist folgende: Man nutzt spezielle „Fluoreszenz-Sonden“ – stell dir das wie winzige, leuchtende molekulare Aufkleber vor. Diese Sonden heften sich an bestimmte Teile einer Zelle.
Wenn diese Sonden leuchten, senden sie Licht aus, das in eine ganz bestimmte Richtung „twistet“ (entweder linksherum oder rechtsherum). Durch die Analyse dieser Lichtdrehung entsteht ein molekularer Fingerabdruck.
- Twistet das Licht in die eine Richtung: Normales Leben.
- Twistet das Licht in die andere Richtung: Wir haben ein Spiegelbild-Organismus entdeckt!
Vorsicht ist die Mutter der Krönung
Die Forscher gehen dabei sehr methodisch vor. Ein einzelner Sonden-Typ könnte nämlich zu Fehlalarmen führen. Deshalb schlagen sie einen „Cocktail“ aus verschiedenen Sonden vor, um absolut sicherzugehen, dass das Ergebnis stimmt.
Dr. Lewis MacKenzie, einer der leitenden Forscher, bringt es auf den Punkt: Wir erwarten nicht, dass morgen Spiegelbild-Bakterien aus dem Nichts auftauchen. Aber es ist besser, die Taschenlampe schon griffbereit zu haben, bevor man einen dunklen Raum betritt.
Es ist eine faszinierende Art der molekularen Detektivarbeit, die uns eines Tages vor biologischen Überraschungen schützen könnte, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.