Die Story, die niemand erzählen wollte
Manchmal gibt es Geschichten, die lassen einen einfach nicht los.
Stellen wir uns den Dezember 1965 vor. Der Vietnamkrieg läuft auf Hochtouren. Die USS Ticonderoga, ein Flugzeugträger aus dem Zweiten Weltkrieg, ist auf dem Heimweg nach Japan. Eigentlich Routine, sagt man sich. Nur: "Routine" ist ein verdammt gefährliches Wort, wenn Atomwaffen im Spiel sind.
An jenem Tag lud die Besatzung eine B43-Atombombe auf eine Douglas A-4E Skyhawk. Kein Spielzeug. Ein thermonuklearer Sprengkopf mit bis zu einem Megatonnen Sprengkraft. Zum Vergleich: Das Ding war rund 70-mal stärker als die Hiroshima-Bombe. Mit einem Wort: eine Stadtvernichtungsmaschine.
Chief Petty Officer Delbert Mitchell war dabei. Jahre später erzählte er dem U.S. Naval Institute davon. Sechs Mann, jeder mit seiner eigenen Checkliste. Seine Aufgabe: sicherstellen, dass die Waffe auf "sicher" steht. Als sie die graue Plane entfernten und das "Y1" sahen, wussten alle, womit sie es zu tun hatten.
Per Spezialhydraulik wurde die knapp 950 Kilo schwere Bombe unter das Flugzeug gehievt, festgezurrt, und die Maschine auf den Flugdeckaufzug Nummer 2 geschoben.
Und dann kam alles anders.
Was die wenigsten wissen: Die Ticonderoga hatte einen Seitenaufzug. Statt in der Schiffsmitte befand sich Aufzug Nummer 2 am Rand des Rumpfes — auskragend über dem Ozean. Eine ganze Seite offen zum Meer. Sicherheitsnetze gab es, ja. Aber die sollten verhindern, dass jemand über Bord fällt. Nicht, dass ein fast eine Tonne schweres Flugzeug herunterrollt.
Der Träger drehte nach Steuerbord. Das Deck neigte sich — und mit ihm die Plattform. Plötzlich hing die Skyhawk mit ihrer nuklearen Fracht leicht geneigt über der ungeschützten Kante.
Matrosen pfiffen hektisch, versuchten Lieutenant Douglas Webster zu warnen. Er reagierte nicht. Vielleicht abgelenkt, vielleicht suchte er etwas im Cockpit.
Dann: Stille.
Die Skyhawk rutschte über den Rand und fiel in den Pazifik. Die Masse der Bombe zog alles in die Tiefe. Keiner konnte eingreifen. Flugzeug, Pilot, die gefährlichste Waffe der Welt — alles versank wie ein Stein. Rund 110 Kilometer vor der japanischen Insel Kikai.
Das war vor 61 Jahren.
Und das wirklich Unbequeme: Man hat sie nie gefunden. Diese Megatonnen-Atombombe liegt irgendwo auf dem Grund des Pazifiks. Konkrete Bergungspläne? Fehlanzeige.
Ich frage mich jedes Mal, wenn ich solche Geschichten lese: Wie viele Beinahe-Katastrophen hat es gegeben? Wie viele menschliche Fehler, die einfach so davongingen? Jemand lud einen Stadt-Killer auf ein Flugzeug, sah ihn über Bord gehen — und das war's. Das Leben ging weiter. Der Träger flog seine Einsätze.
Vielleicht liegt die Bombe dort unten für immer. Ein stiller Zeuge, wie anfällig unsere Systeme sind. Oder eines Tages entscheidet sich jemand, sie zu bergen.
Bis dahin: Da unten. Wartend.