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Warum Wissenschaftler von deiner Gartenerde überrascht sind

Warum Wissenschaftler von deiner Gartenerde überrascht sind

2026-08-28T21:15:35.922885+00:00

Warum ausgerechnet Unterhosen?

Stell dir folgendes Bild vor: Du bist Wissenschaftler und willst die Bodenqualität eines ganzen Landes untersuchen. Hunderte verschiedene Standorte, aber du kannst schlecht dein Labor in jeden Garten schleppen. Was also tun?

Wenn du zur Universität Zürich oder zum Forschungsinstitut Agroscope gehörst, dann bittest du tausend Menschen, ihre Unterwäsche zu vergraben.

Kein Witz.

Das Projekt hört auf den Namen „Beweisstück Unterhose" und ging 2021 an den Start. Die Idee dahinter ist verblüffend einfach: Baumwolle zersetzt sich, wenn fleißige Bodenorganismen am Werk sind. Je schneller die Unterhose zerfällt, desto gesünder und lebendiger ist vermutlich der Boden.

Man muss nämlich wissen: Regenwürmer, Pilze, Bakterien und all die anderen winzigen Wesen unter unseren Füßen sind ständig damit beschäftigt, organisches Material zu zerkleinern. Und Baumwolle? Ganz offensichtlich steht die auf ihrem Speiseplan.

Das große Schweizer Unterhosen-Experiment

So lief die Sache ab: Freiwillige vergruben standardisierte Baumwollunterhosen – plus ein paar Teebeutel als zusätzliche Datenquelle – an rund tausend verschiedenen Stellen in der Schweiz. Zwei Monate später buddelten sie alles wieder aus, knipsten Fotos davon und schickten die Beute ins Labor.

Über 2000 Unterhosen. 1000 Standorte. Einmal quer durch die Schweiz.

Und hier wird es richtig spannend: Die Zersetzung der Unterwäsche variierte enorm je nachdem, wo sie lag.

In privaten Gärten? Da waren die Höschen praktisch vollständig verschwunden. Auf Rasenflächen? Noch weitgehend intakt, kaum angegriffen.

Dieser Unterschied sagt eine ganze Menge darüber aus, wie wir mit unserem Land umgehen.

Dein Garten gegen deinen Rasen – der überraschende Sieger

Die Ergebnisse waren eindeutig: Private Gärten wiesen die schnellste Zersetzung auf – und damit auch die biologisch aktivsten Böden. Diese Erde enthielt die meiste organische Substanz und bot Regenwürmern, Pilzen und Bakterien ideale Lebensbedingungen.

Rasenflächen zeigten hingegen die geringste Aktivität der Bodenlebewesen. Landwirtschaftliche Flächen und Wiesen landeten irgendwo dazwischen.

Warum dieser gewaltige Unterschied?

Es liegt daran, wie wir diese Flächen bewirtschaften. Gärten bekommen Kompost, Mulch und jede Menge organische Abfälle. Wir graben, pflanzen, pflegen. Diese ständige Zugabe von organischem Material und die sanften Störungen schaffen ein blühendes Ökosystem unter der Erde.

Rasen? Der ist im Grunde eine Monokultur. Wir mähen, düngen gelegentlich – aber wir führen selten organische Substanz zurück. Der Boden darunter wird verdichtet und biologisch verarmt. Eigentlich ein biologisches Ödland, das sich als grüner Rasen tarnt.

Wie es Studienleiter Marcel van der Heijden formulierte: „Die Bewirtschaftung des Bodens kann sich erheblich auf das Bodenleben und die Bodenqualität auswirken."

Mehr Zersetzung ist nicht immer besser

Hier wird die Sache etwas kontraintuitiv – die Forscher wollen nämlich betonen, dass schneller nicht automatisch besser bedeutet.

Für landwirtschaftliche Flächen stimmt das schon: Rasche Zersetzung zeigt fruchtbaren, aktiven Boden an, der Pflanzenwachstum unterstützt. Das ist genau das, was Landwirte brauchen.

Aber in Wäldern oder sogar in deinem eigenen Garten kann eine extrem schnelle Zersetzung ein Warnsignal sein. Sie könnte auf einen Nährstoffüberschuss hindeuten – sprich: möglicherweise düngst du zu viel.

„Wenn das passiert, sollten Gärtner vielleicht überlegen, ob sie zu viel Dünger verwenden", merkte Projektleiter Franz Bender an.

Der ideale Bereich hängt vom jeweiligen Ökosystem ab. Die Natur ist nicht für alles gleich, und bei der Bodengesundheit verhält es sich genauso.

Der bescheidene „Unterhosen-Index"

Was mich an dieser Forschung am meisten begeistert, ist ihre Einfachheit. Wissenschaftler haben jede Menge hochtechnologische Methoden zur Bodenanalyse – DNA-Sequenzierung, chemische Analysen, mikroskopische Untersuchungen. Aber manchmal liefern die simpelsten Experimente die aufschlussreichsten Erkenntnisse.

Die Forscher schlagen nun die Einführung eines „Unterhosen-Index" vor – ein Verfahren, mit dem jeder eine grobe Einschätzung der biologischen Aktivität seines Bodens bekommen kann, ganz ohne Labor. Baumwolle eingraben, zwei Monate warten, Ergebnis begutachten.

Bürgerwissenschaft vom Feinsten. Keine teure Ausrüstung nötig, nur die Bereitschaft, sich schmutzig zu machen, und ein gesunder Sinn für Humor.

Wenn tausend Menschen zu Wissenschaftlern werden

Was mich an diesem Projekt wirklich berührt hat: Durch die Beteiligung von Freiwilligen konnten die Forscher Daten von über tausend Standorten in einem ganzen Land erheben. Eine Studie in diesem Maßstab wäre mit einer Handvoll Wissenschaftler praktisch unmöglich gewesen.

Und jetzt kommt's – rund 240 Bürgerwissenschaftler sind als Koautoren der veröffentlichten Studie aufgeführt. Das ist nicht nur ein „Danke in den Anmerkungen" – das ist echte Zusammenarbeit.

Die Freiwilligen sammelten nicht einfach nur Daten. Sie bekamen personalisierte Rückmeldungen, Bodenanalyse-Ergebnisse und praktische Tipps für eine nachhaltigere Bewirtschaftung ihres Landes. Sie wurden zu Partnern in der Wissenschaft, nicht bloß zu Datensammlern.

Das ist die wahre Stärke von Bürgerwissenschaft: Sie erzeugt gewaltige Datensätze und weckt gleichzeitig Bewusstsein für Themen, die uns alle betreffen. Man kann sich nicht für etwas einsetzen, von dessen Existenz man nichts weiß – und die meisten Menschen haben noch nie einen zweiten Gedanken an die milliardenfachen Lebewesen verschwendet, die zu unseren Füßen wimmeln.

Was bedeutet das für dich?

Was können wir also aus einer Studie lernen, die komplett in Unterwäsche durchgeführt wurde?

Erstens: Die Art der Landnutzung ist enorm wichtig. Wie wir unsere Rasenflächen, Gärten und Grünflächen bewirtschaften, formt direkt die Bodengesundheit. Jede Entscheidung – vom Bepflanzen bis zum Kompostieren – sendet Wellen durch die verborgene Welt unter uns.

Zweitens: Bodengesundheit verdient unsere Aufmerksamkeit. Gesunder Boden speichert Kohlenstoff, filtert Wasser, zirkuliert Nährstoffe und trägt die Pflanzen, die uns ernähren. Wenn die Bodenvielfalt sinkt, sinkt auch unsere Nahrungssicherheit und die Stabilität unserer Ökosysteme.

Drittens: Einfache Experimente können tiefgreifende Wahrheiten enthüllen. Du brauchst kein millionenschweres Labor, um deinen Boden zu verstehen. Grab etwas Baumwolle ein. Beobachte, was passiert. Löse eine Diskussion darüber aus, was unter der Erde lebt.

Wenn du das nächste Mal in deinem Garten im Dreck wühlst, denk daran: Du spielst nicht einfach nur mit Erde. Du berührst einen der artenreichsten Lebensräume unseres Planeten – Heimat von mehr als der Hälfte aller lebenden Organismen der Erde.

Und offensichtlich führst du dabei ein äußerst wichtiges Experiment durch – ob du es weißt oder nicht.

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