Manchmal muss man einfach zugeben: Die Wissenschaft hat noch lange nicht alles im Griff. Und ehrlich? Genau das macht sie so faszinierend.
Forscher haben gerade vier Weiße Zwerge entdeckt, die praktisch um die Ecke unserer Erde kreisen – gerade einmal 65 Lichtjahre entfernt. Das ist im kosmischen Maßstab quasi der Vorgarten. Das Besondere daran: Diese Sternsysteme waren die ganze Zeit direkt vor unserer Nase.
Unsichtbar durch Helligkeit
Jeder dieser Weißen Zwerge hat einen Begleiter – einen Roten Zwerg. Rote Zwerge sind kleiner, kühler, aber erstaunlich langlebig. Und sie strahlen im sichtbaren Licht deutlich heller als ihre weißen Partner.
Wenn Astronomen diese Systeme mit normalen Teleskopen beobachteten, sahen sie also nur den Roten Zwerg und假设ten: Das war's. Der Weiße Zwerg ging in der Helligkeit seines Partners komplett unter.
Dr. Mairi O'Brien von der University of Warwick drückte es treffend aus: „Das zeigt uns, dass wir selbst in unserer kosmischen Nachbarschaft Überraschungen finden können – wenn wir richtig hinschauen, mit den richtigen Wellenlängen."
Zurecht. Jahrzehnte haben wir damit verbracht, Sterne in unserer Nähe zu katalogisieren. Und trotzdem waren vier von ihnen die ganze Zeit da.
Das verräterische Wackeln
Aber wie hat man diese kosmischen Chamäleons dann entdeckt? Ganz einfach: Die sichtbaren Roten Zwerge wackelten. Sie bewegten sich in einem rhythmischen Muster auf uns zu und wieder von uns weg.
Dieses Wackeln entsteht, wenn ein unsichtbares, aber massereiches Objekt an dem Stern zieht – während beide umeinander kreisen. Stellt euch vor, wie ein Hundebesitzer jedes Mal leicht nach vorne gezogen wird, wenn sein energiegeladener Vierbeiner um ihn herumtollt. Genau diese winzige Bewegung verriet die Weißen Zwerge.
27 Jahre Geheimnis
Eines dieser Systeme ist besonders spannend. G 203-47 heißt es, liegt nur 25 Lichtjahre entfernt – und hat sein Geheimnis 27 lange Jahre für sich behalten.
Siebenundzwanzig Jahre! Für manche Wissenschaftler wäre das eine ganze Karriere. Aber das wirklich Interessante an G 203-47: Es ist jetzt offiziell der neunte nächstgelegene Weiße Zwerg zu unserer Sonne.
Und es ist seltsam. Wirklich seltsam.
Wenn Sterne sich nicht an die Regeln halten
Normalerweise passiert bei eng beieinander kreisenden Doppelsternsystemen etwas namens „Gezeitenblockierung". Das bedeutet: Ihre gegenseitige Anziehungskraft sorgt dafür, dass sie sich genauso schnell drehen, wie sie umeinander kreisen. Ganz ähnlich wie unser Mond, der der Erde immer dieselbe Seite zeigt.
Bei G 203-47 umrundet der Rote Zwerg seinen weißen Begleiter in knapp 15 Tagen. Man würde erwarten, dass er sich aufgrund der Gezeitenblockade auch in etwa 15 Tagen einmal um seine eigene Achse dreht.
Tut er aber nicht. Er braucht über 100 Tage für eine einzige Umdrehung.
Viel zu langsam. Der Stern dreht sich gemächlich wie jemand, der sonntags spazieren geht – dabei sollte er wie eine Eiskunstläuferin schnelle Pirouetten drehen.
Dr. David Wilson von der University of Colorado Boulder erklärte: Das deutet darauf hin, dass die beiden Sterne nicht dieselbe Geschichte hatten. Manche Doppelsternsysteme durchliefen frühe, intensive Wechselwirkungen, die sie synchronisierten. Andere – wie G 203-47 – schienen sanftere, kürzere Begegnungen hinter sich zu haben, die sie nicht perfekt aufeinander abstimmten.
Warum ist das wichtig?
Erstens konnten Wissenschaftler ihre Zählung der Weißen Zwerge in unserer stellaren Nachbarschaft aktualisieren. Theoretische Modelle hatten vorhergesagt, dass wir etwa vier bis fünf dieser eng kreisenden Weiße-Zwerg-Rote-Zwerg-Paare innerhalb von 65 Lichtjahren finden sollten.
Die Forscher fanden genau vier. Eine schöne Bestätigung unserer Modelle – aber gleichzeitig eröffnen sich neue Fragen. Wie bilden sich solche Systeme? Wie entwickeln sie sich?
Die Suche geht weiter
Was mich aber am meisten zum Nachdenken bringt: Wissenschaftler schätzen, dass bisher nur etwa 30 Prozent der nahen Roten Zwerge richtig auf versteckte Weiße-Zwerg-Begleiter untersucht wurden. Und sie glauben, dass noch neun oder zehn weitere Doppelsternsysteme in unserer unmittelbaren Nachbarschaft darauf warten, entdeckt zu werden.
Viele Sterne, die wir noch nicht kennengelernt haben.
Professor Pier-Emmanuel Tremblay von der University of Warwick sagte es treffend: „Wenn wir gezielt mehr Aufwand in die Beobachtung Roter Zwerge stecken, werden wir wahrscheinlich noch mehr solche Überraschungen finden."
Das lässt einen wirklich innehalten. Was schwebt dort draußen noch, verborgen hinter unserer aktuellen Technik? Das Universum hat eine Art, uns daran zu erinnern, dass es immer mehr zu entdecken gibt. Selbst im eigenen Vorgarten.
Manchmal muss man nur den richtigen Blickwinkel finden, um zu sehen, was wirklich da ist.