Wenn Wundermittel Fragezeichen tragen
GLP-1-Medikamente wie Wegovy haben in kurzer Zeit viel verändert. Sie helfen Menschen beim Abnehmen, stabilisieren Blutzuckerwerte und scheinen auch Herz und Kreislauf zu schützen. Kaum ein anderes Medikament der letzten Jahre hat so viele Schlagzeilen gemacht.
Doch neue Medikamente bringen nicht nur Nutzen. Eine aktuelle Untersuchung im British Journal of Ophthalmology zeigt, dass auch hier unerwartete Risiken lauern können.
Ein unerwartetes Problem mit den Augen
Die Studie hat Meldungen an die US-Arzneimittelbehörde FDA ausgewertet. Dabei fiel ein Zusammenhang mit einer seltenen Augenerkrankung auf: der ischämischen Optikusneuropathie, kurz ION. Dabei wird die Blutversorgung des Sehnervs plötzlich unterbrochen. Die Folge kann ein schneller, manchmal dauerhafter Sehverlust sein – von verschwommenen Flecken bis hin zur Erblindung eines Auges.
Besonders beunruhigend: Die Erkrankung tritt oft ohne Vorwarnung auf.
Die Zahlen im Detail
Zwischen 2017 und 2024 fanden die Forscher 28 ION-Fälle bei Wegovy und 47 bei Ozempic. Auf den ersten Blick scheint Ozempic mehr Fälle zu haben. Doch die Statistik zeigt etwas anderes: Bei Wegovy war das Risikosignal deutlich stärker. Die Wahrscheinlichkeit für ION lag etwa 75-mal höher als zufällig erwartet. Bei Ozempic waren es rund 19-mal. Besonders stark zeigte sich der Effekt bei Männern, die Wegovy nutzten – dort lag der Faktor bei 116.
Warum gerade Wegovy?
Die Forscher vermuten, dass die schnelle und hochdosierte Wirkung von Wegovy eine Rolle spielt. Plötzliche Blutdruckabfälle oder starke Flüssigkeitsverluste könnten die Blutversorgung des Sehnervs stören. Interessant: Bei der Tablettenform Rybelsus traten keine ION-Fälle auf. Die langsamere Aufnahme und niedrigere Dosis scheinen hier einen Unterschied zu machen.
Wichtige Einschränkungen
Die Studie basiert auf freiwilligen Meldungen an die FDA. Solche Daten sagen nichts über die tatsächliche Häufigkeit aus. Auch fehlen detaillierte Angaben zu den betroffenen Personen. Hinzu kommt der sogenannte Medien-Effekt: Durch die große Aufmerksamkeit rund um Wegovy melden vielleicht mehr Menschen Nebenwirkungen als bei weniger bekannten Medikamenten.
Die Forscher betonen daher: Es handelt sich um ein Signal, nicht um einen Beweis.
Was jetzt passieren muss
Weitere klinische Studien sind dringend nötig. Nur so lässt sich klären, ob das Risiko wirklich besteht und wie groß es tatsächlich ist. Augenärzte und Adipositas-Spezialisten sollten bei der Verschreibung dieser Medikamente besonders auf mögliche Augensymptome achten.
Das große Ganze
GLP-1-Medikamente bleiben ein wichtiges Werkzeug gegen Übergewicht und Folgeerkrankungen. Doch mit ihrer wachsenden Verbreitung steigt auch die Verantwortung, mögliche Nebenwirkungen genau zu beobachten. Wer diese Medikamente nutzt oder darüber nachdenkt, sollte mit Arzt und Augenarzt offen über das Thema sprechen. Plötzliche Sehveränderungen gehören sofort abgeklärt.
Das ist keine Panikmache – das ist der normale Umgang mit neuen Medikamenten.