Was uns die Assyrer über Geschichtsschreibung beibringen können
Die Redewendung kennt wohl jeder: „Die Geschichte schreiben die Sieger." Klingt schön, oder? Aber jetzt gibt es neue Forschungsergebnisse, die zeigen, dass das nicht nur eine Metapher ist – sondern bittere Realität.
Zwei Forscher haben kürzlich im Journal of Cuneiform Studies einen Artikel veröffentlicht, der selbst erfahrene Historiker aufhorchen lässt. Alexander Johannes Edmonds und Eckart Frahm behaupten: Die Assyrische Königliste, seit über hundert Jahren unser Standardwerk für assyrische Herrscher, ist unvollständig. Mindestens drei Könige fehlen. Und wahrscheinlich nicht aus Versehen.
Ein Umsturz im Schatten der Sonnenfinsternis
Lasst mich euch die erste vergessene Dynastie erzählen – die hat es wirklich in sich.
Da gab es jemanden, der sich Tiglath-Pileser nannte. Ein Name, den schon ein früherer, berühmter König trug. Mit diesem Namen versuchte er, den amtierenden Herrscher Aššur-dān III. zu stürzen. Das allein wäre schon interessant genug. Aber das Datum macht die Sache richtig kurios: Der Umsturzversuch fand direkt nach einer Sonnenfinsternis statt.
Für uns heute ist eine Sonnenfinsternis ein nettes Naturereignis. In der antiken Welt war das anders. Solche Himmelsereignisse galten als göttliche Zeichen. Eine verdunkelte Sonne? Klarer konnte der Himmel nicht signalisieren: „Hier stimmt was nicht mit der aktuellen Regierung."
Unser rivalisierender Tiglath-Pileser hat offenbar etwa ein Jahr regiert, von ca. 763 bis 762 v. Chr. Wir wissen das, weil im Britischen Museum eine Tontafel lagert, die königliche Schenkungen aus dieser Zeit dokumentiert. Der Mann hat tatsächlich regiert – aber in der offiziellen Königliste? Fehlanzeige.
Logisch – Aššur-dān III. war der Gewinner. Und Gewinner schreiben die Akten.
Eine Statue ohne Kopf
Der zweite Fall liest sich wie ein Krimi.
1894 fand man im Irak eine Stele, eine Art Steindenkmal. Der Name eines Königs war dort durchgekratzt und durch „Tiglath-Pileser" ersetzt worden. Über hundert Jahre rätselten Forscher, was es damit auf sich hat.
Edmonds und Frahm haben jetzt eine einfache Erklärung: Zwischen dem letzten Herrscher und Tiglath-Pileser III., der 745 v. Chr. die Macht übernahm, gab es einen König namens Schalmanassar. Als Tiglath-Pileser III. sein Reich konsolidierte, решил er kurzerhand: „Den vor mir zählen wir nicht mit." Und schwupps – war ein König aus der Geschichte gestrichen.
Der dritte Fall ist vielleicht der unheimlichste.
Da existiert ein Text von König Tukultī-Ninurta II., der eine zeremonielle Schale erwähnt, die von einem gewissen Aššur-uballiṭ restauriert wurde. In der Königliste taucht dieser Aššur-uballiṭ zwischen Tukultī-Ninurta I. und Tukultī-Ninurta II. nicht auf. Völlig unmöglich, sollte man meinen.
Hinzu kommt: In der antiken Stadt Aššur grub man eine Statue aus. Ein königliche Figur – aber ohne Kopf. Ohne Arme. Ohne königliche Insignien. Die Forscher vermuten, dieser köpflose Herrscher könnte unser verschwundener Aššur-uballiṭ sein.
Ich will jetzt nicht überdramatisieren, aber... so einiges an Schaden für eine einzige Statue, oder? Da fragt man sich schon, ob jemand wirklich, wirklich entschlossen war, die Erinnerung an diesen Mann auszulöschen.
Warum ist das wichtig?
Was mich an dieser Studie am meisten zum Nachdenken bringt, ist folgendes:
Die Forscher vermuten, dass die Assyrische Königliste nie als objektives Geschichtsbuch gedacht war. Sie funktionierte eher als das, was sie „Legitimierungskanon" nennen – eine Art offizielle Genehmigungsliste. Nur Könige, deren Herrschaft der Staat abgesegnet hatte, schafften es rein.
Kurze Regierungszeiten? Rivalen? Verlierer von Machtkämpfen? Pech gehabt. Eure Verwaltung konnte monatelang funktionieren, Gesetze erlassen, Tontafeln beschriftet werden – aber wenn ihr nicht zur richtigen Dynastie oder Fraktion gehört habt? Weg war ihr.
Das verändert, wie wir antike Quellen betrachten sollten. Wir neigen dazu, Königlisten als zuverlässige, neutrale Aufzeichnungen zu behandeln. Aber sie wurden von Menschen mit politischen Zielen erstellt. So wie alles andere auch.
Der größere Zusammenhang
Ich bin natürlich kein Assyriologe – das sind die echten Spezialisten für das alte Mesopotamien. Was mich aber an dieser Forschung fasziniert, ist die Erinnerung daran, dass Geschichte nicht einfach das ist, „was passiert ist". Sie ist auch das, wer die Geschichte erzählen darf und warum bestimmte Informationen überleben, während andere... naja, sagen wir: strategisch vergessen werden.
Das Assyrische Reich war eine der Supermächte der Antike. Sie bauten gewaltige Straßennetze, entwickelten ausgefeilte Verwaltungssysteme, schufen beeindruckende Kunst und Architektur. Das Wort „assyrisch" nutzen wir heute noch, wenn wir bestimmte Organisationsstrukturen beschreiben.
Und trotzdem: Bei einer Zivilisation, die so unglaublich gut dokumentiert ist, gibt es immer noch enorm viel, das wir nicht wissen – oder genauer gesagt, das jemand nicht wollte, dass wir wissen.
Was Edmonds und Frahm hier gemacht haben, ist uns einen Blick hinter die Kulissen des antiken Staatshandwerks zu gewähren. Machtkämpfe, politische Legitimität, historische Erinnerung – das war 700 v. Chr. genauso wichtig wie heute.
Wenn also das nächste Mal jemand behauptet, Geschichte sei objektiv, erzählt ihnen von den drei vergessenen Königen der Assyrer. Manches ändert sich eben nie.
Quelle: ScienceDaily – „Three New Kings of Assyria", veröffentlicht im Journal of Cuneiform Studies